Baustelle Mobile Commerce – Wie man in einem Jahr Geld verliert

Ein Jahr ist vergangen, seit ich die Mobile Commerce Patterns entwarf und mobile Onlineshops des Modebereichs unter die Lupe nahm. Zeit für einen Schulterblick. Haben die Betreiber ihre Hausaufgaben erledigt und den (wichtigen) mobilen Sektor Beachtung geschenkt? Oder wurde die Smartphone Version lediglich entwickelt, um eine zu haben, sie dann aber nicht mehr zu pflegen?

Bestandsaufnahme mobile Commerce - Das war vor einem Jahr

Die ersten Betreiber wagen sich mit ihrem Onlineshop für das Smartphone auf den Markt. Der Absatz durch Mobile Commerce steht in den Startlöchern und ist kurz vor dem Boom. Die tragbaren Geräte mit Browser und Internet Empfang verbreiten sich wahnsinnig schnell. Nutzer machen sich mit der Technik vertraut und fangen an, auch dem Handy zu stöbern und zu shoppen. Grund genug, auch das zweite Standbein zu hegen und zu pflegen. Erst recht den Bedürfnissen der Kunden anzupassen.

Es ist nicht unbedingt klar, welches Design gut funktioniert und wie der perfekte mobile Shop auszusehen haben muss. Es ist ein unerschlossenes Feld der Experimentierfreudigkeit. Dieses schließt aber gleichzeitig eine stetige Optimierung ein. Experimentieren ist erlaubt! Sofern man seine Experimente genauestens beobachtet, Schlussfolgerungen zieht und neue Experimente plant und startet.

Vorfreude - Optimierung findet statt!

Oder doch nicht? Folgende Shops befanden sich vor einem Jahr im Test-Setup:

  • Heine
  • Otto
  • Baur

Leider konnte sich die Vorfreude nicht lange halten. Nicht überall fanden Optimierungsprozesse statt. Lediglich ein Anbieter konnte sein Niveau verbessern und hat an seiner Seite gearbeitet. Somit auch den Nutzwert einer mobil optimierten Version verstanden.

Jetzt ist noch Zeit mit Ihren Kollegen Wetten abzuschließen. 😉

Potenzialverschwender - Hier wird nicht optimiert, das kostet Geld

Die Seiten, bei denen Potenzial vorhanden ist und bei welchen ich leider keine Verbesserung feststellen konnte zuerst. Sie haben Ihre Wetten abgegeben?

Im Rennen zurück geblieben sind Heine und Otto. Es hat sich in einem Jahr nichts an der Seite geändert.

Heine hat lediglich den Verlaufs-Effekt im Header vom Warenkorb auf das Logo gelenkt. Zumindest ist dem Nutzer dadurch immer noch eindeutig ersichtlich, bei welchem Anbieter er sich befindet. Der einfache Einstieg auf der Startseite konnte sich bestätigen. Im weiteren Verlauf ist ein ansprechendes Menü mit Teasern zu finden. Dieses klappt in Drop-Down-Manier auf, wobei die Menüpunkte immer noch für Wurstfinger zu klein sind.

Heine Mobile Commerce Vergleich 2012

Otto lässt einen effizienten Direkteinstieg nicht zu. Der Nutzer wird immer noch mit der Frage konfrontiert "Was möchten Sie tun?". In einem Onlineshop vermutlich nicht schwer zu beantworten. Darunter wieder ein Teaser mit verknappten Angeboten, folgend die Marken und erst dann ein Überblick des angebotenen Sortiments, wegen welchem die Kunden den Shop besuchen.

Otto Mobile Commerce Vergleich 2012

Bei beiden verlässt mich die Lust, weiter auf Details einzugehen, denn hier hat sich offenbar nichts geändert. Auch im weiteren Verlauf auf den Produktseiten werden Mobile-Behavior-Patterns nicht eingehalten. Produktbilder lassen sich nur bedingt vergrößern geschweige denn mit Gesten von einer Produktansicht zur Nächsten wechseln.

Schade, denn hier steckt das wahre Potenzial, besonders um jüngere Zielgruppen anzusprechen, die wenig Zeit haben und ihre Einkäufe mobil erledigen.

Trostlosigkeit - Mobil wird nicht optimiert?

Baur ist der Lichtblick unter den getesteten Shops und lässt mein Optimierer-Herz höher schlagen. Hier hat das Management verstanden, auch mobile Seitenoptimierung bringt Erfolg und Deckungsbeitrag.

Die Usability von Baur schnitt bei der Nutzerbewertung 2011 durchweg positiv ab. Die Navigation führt schnell und unkompliziert zu den aufgeräumten Produktdetailseiten. Der Onlineshop setzt die Messlatte für die Mitbewerber sehr hoch. Ist hier noch eine Steigerung möglich? Der Relaunch im Juni 2012 beweist, dass es geht. Auch die Conversion Rate stieg um 11 Prozentpunkte auf insgesamt 3,5 Prozent an (Quelle: etailment.de). Die Zahlen sprechen für sich!

Baur - Schlanke Startseite

Bereits kleinere Änderungen können im mobilen Bereich den Unterschied erbringen. Auf der Startseite nehmen Suche und Such-Button einen deutlich höheren Anteil des Bildschirms ein. Dies stimmt mit den Mobile Patterns überein, denn Nutzer wollen einen schnellen Einstieg geboten bekommen. Um jederzeit die Möglichkeiten zu haben, erneut eine Suche abzusetzen, musste der "Service"-Link Platz machen, für den prominenten Such-Button. Im Suchfeld selbst ist nun ersichtlich, welche Suchanfragen durchgeführt werden können. Zur Abrundung gibt es auch Unterstützung bei der Eingabe, ganz im Sinne der maximalen Effizienz, durch ein Suggested Search. Die Startseite wirkt leichter, aufgeräumt und lenkt den Blick auf die wichtigen Elemente.

Baur Mobile 2012 - Startseite

Baur - Lust auf Service

Der ehemalige Link im Header, welcher auf den Service Bereich hinweist, ist nicht dem Rotstift zum Opfer gefallen. Vielmehr bekommt er seinen eigenen Bereich. Farblich dezent hinterlegt mit ebenfalls Fingergroßen Bedienelementen bekommt der Kunde nun deutlich mehr Möglichkeiten. Zu meiner großen Freude verweisen die Links des Service Bereichs auf mobile Seiten und springen nicht zur Desktop Version.

Baur Mobile 2012 - Service

Baur - Sicher ist sicher

Komplett neu sind die Trust-Signale am Ende der Startseite. Im weiteren Verlauf der Customer Journey entfallen sie zu Gunsten der Ladegeschwindigkeit auf Kategorie- und Produktseiten. Erst im Checkout sind sie wieder zu finden und zurecht dort platziert.

Baur Mobile 2012 - Sicherheitssignale

Baur - Einladung zum Shoppen

Im Sinne der mobil gewünschten Effizienz und Leichtigkeit bietet Baur charmant an, die Webseite auf den Homescreen zu pinnen. So hat der Kunde schnellen Zugriff auf die Webseite. Er muss nicht den Browser starten und die URL eingeben oder mühsam in seinen Lesezeichen suchen. An einen weiteren Vorteil hat Baur ebenfalls bei dieser Lösung gedacht: das Ausblenden der Adressleiste - verschafft zusätzlichen Platz auf dem Bildschirm.

Tipp bei Apple Geräten zum ausblenden der Adressleiste:

<meta name="apple-mobile-web-app-capable" content="yes" />

 

Baur - Effizienz ist Thema der Produktübersicht

Hier sollen alle Produkte schnell und ohne Ablenkung schnell erfasst werden. Für eine bessere Orientierung erfüllt die Breadcrump nun zwei Aufgaben: Kategorieüberschrift und Notausgang zu Menüseiten. Das spart Platz! Jetzt sind fast drei Produkte statt bisher nur zwei sofort zu sehen. Wie alle tapbaren Elemente wurde hier auch der Filter vergrößert. Das zahlt ebenfalls doppelt auf das Pluspunkt-Konto ein: Leichte Bedienung und mehr Prominenz zur Einschränkung des Portfolio.

Baur Kategorieübersicht 2012

Baur - Gutes auch mal gut sein lassen

Bewertungen bieten Social Proof und schaffen Vertrauen. Somit fügen sich die Sterne nahtlos in das Design ein und stören nicht. Die Produktdetailseite wurde konsistent um die großflächigen Eingabemöglichkeiten erweitert. Zudem ist nun auch alles einfach mit dem Daumen (Rechtshänder) zu bedienen.

Kleiner Mangel: Bei Tap auf bspw. die Größenwahl, zoomt die Webseite wie bei einem Double-Tap und vergrößert sich.

 

Baur Mobile 2012 - Produktdetailseite

Fazit

Es überrascht mich, dass sich in einem Jahr lediglich bei Baur etwas zum positiven gewendet hat und immer noch Potenzial verschwendet wird. Kleine Änderungen haben bei einem kleinem Bildschirm bereits einen großen Impact.

Auf den Produktdetailseiten konnte ich bei keinem der drei Betreiber Gesten vorfinden. Das wundert mich, vor allem auf der Produktseite, wo es im Umgang mit Bildern unverzeihlich ist, auf Gesten zu verzichten. Schließlich verkaufen die Bilder das Produkt!

Das sollten Sie für Ihre Optimierung mitnehmen:

  • Gesten, Gesten und noch mal Gesten!
  • Kleine Änderungen haben einen großen Impact, es muss nicht ein kompletter Relaunch sein
  • Wurstfinger wollen auch kaufen
  • Optimieren und testen Sie auch Ihre mobile Seite

Mehr Informationen zum Thema mobile Commerce

  • Teilen
  • Send to Kindle
  • http://www.konversionskraft.de/?p=14101
Dennis Herzberger Als Senior Conversion Architect bei der Web Arts AG hat sich Dennis Herzberger der Usability und User Experience von Webseiten gewidmet. Sein leidenschaftlicher Fokus liegt auf der Konzeption und Optimierung von mobilen Webseiten und Onlineshops. Folgen Sie ihm auf Twitter.

Frage zum Artikel? Fragen Sie den Autor!


Please leave this field empty.

, ,

16 Reaktionen auf  “Baustelle Mobile Commerce – Wie man in einem Jahr Geld verliert”

Kommentare

  1. Christian Herold Christian Herold

    Hallo Dennis,

    danke für den aus meiner Sicht sehr tollen Artikel.

    Die PainPoints (keine Gesten und der Zoom auf den Filtern) haben wir auf dem Schirm. Habt ihr gut analysiert.:-)

    Nächstes Jahr zum erneuten „Mobile check“ solltet ihr das also vorfinden. Ich bin gespannt wie die Kunden es annehmen. Es bleibt also spannend, denn wir haben noch viele tolle Themen auf dem Schirm.

    VG
    christian h

  2. Dennis Herzberger Dennis Herzberger

    Hallo Christian,
    danke für das positive Feedback. Ich bin gespannt was Ihr noch in der Tasche habt und beobachte weiterhin die Seiten. Macht mobile User glücklich. 😉

    Viele Grüße
    Dennis

  3. Matt Matt

    Interessante Einblicke, aber alle drei mit einem mobilen Template, was ich ja für eine Brückentechnologie halte.

    Gibt es irgendeinen der großen Player, die bereits auf RWD setzen? Oder braucht das noch zwei Jahre, bis es in den großen Firmen an der Basis ankommt?

  4. darhe darhe

    spannendes thema und super artikel!! es ist auf jeden fall viel nachholbedarf bei vielen seiten!

  5. Dennis Herzberger Dennis Herzberger

    Hallo Matt,
    mir ist leider kein großer Shop bekannt, welcher auf Responsive Technologie setzt. Ein Template ist im ersten Schritt einfacher umzusetzen. Eine komplette Umstellung erfordert ziemlich viel Manpower und konzeptionelle Arbeit.

    Kennst du kleinere Shops, welche mit RWD umgesetzt wurden?

    Viele Grüße
    Dennis

  6. Markus Kehrer Markus Kehrer

    Hi Dennis,

    toller Artikel vor allem durch den Rückblick 🙂

    RWD setzt AFAIK www.real.de seit dem Relaunch ein. Wie ich finde sehr gelungen.

    Grüße
    Markus

  7. Matt Matt

    Klar ist es einfacher, weil man das auch an eine bestehende Website hinten dranflanschen kann. Dadurch erhöht sich aber auch der spätere Aufwand für Pflege und Wartung, schließlich muss man zwei Templates pflegen.

    http://decomio.de/ ist mir gestern über den Weg gelaufen. Find ich aber ziemlich lieblos umgesetzt. http://www.unitedpixelworkers.com/ dürfte ja bekannt sein.

  8. Dennis Herzberger Dennis Herzberger

    Hi Markus, danke auch für dein Feedback und den Link.

    @Matt und Markus:
    Was haltet ihr von Frameworks, welche eine Shop- oder Content-Seite automatisiert für mobile umsetzen? Kann dies eine künftige Lösung aus eurer sich sein?

    Viele Grüße
    Dennis

  9. Nadine Nadine

    @Matt Wenn man konsequent auf Touch optimieren will, muss man die Shops als Web-App umsetzen. Du brauchst direkt die richtige Technologie (Sencha Touch, jQuery Mobile) um den Online-Shop zu optimieren und keine wie du so schön formuliert hast „Brückentechnologie“, wenn man seinen Shop ernsthaft betreibt. Hierunter fällt aber auch RWD, das ist auch wieder nur ein Kompromiss.

  10. Matt Matt

    Ich halte RWD nicht für eine Kompromiss, sondern den nächsten konsequenten Schritt im Webdesign. Es gibt auch keinen Grund, warum man RWD und jQuery Mobile nicht kombinieren sollte.

    Frameworks, die irgendwas automatisiert umsetzten, haben IMHO auch immer so einen faden Beigeschmack. Meistens kommt doch nicht das bei raus, was man eigentlich haben wollte.

  11. Heiko Fuhrmann Heiko Fuhrmann

    Ich bin zwar kein Fan, aber Bonprix hat auch ordentlich was gemacht. Sowohl die iPad- als auch die iPhone-Ansicht sind schick, gut bedienbar und intuitiv. Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass fürs iPad 3 Fotos in „Retina-Auflösung“ ausgegeben werden. Ist man mit EDGE unterwegs, nerven dann sicher die langen Ladezeiten. Mit 3G oder W-LAN macht die iPad-Version jedoch mehr Spaß als die Desktop Variante.

  12. Sandra Sandra

    hat jemand bereits Erfahrungen mit hybris mobile gemacht? Kennt ihr mobile Seiten die damit umgesetzt wurden?
    Gruß
    Sandra

  13. Ruth | Shopgate Ruth | Shopgate

    Obwohl der Artikel mit über einem Jahr schon beinahe veraltet erscheint, hat Mobile Commerce wie prognostiziert tatsächlich einen Boom erlebt und verzeichnet. 2011 haben 2,9 Mio. Menschen mobil einen Einkauf getätigt, für 2015 werden die Umsätze des mobilen Handels in Deutschland auf 5,9 Mrd. Euro geschätzt (Quelle: Mobile SEO für E-Commerce kostenloses Ebook – http://www.shopgate.com/de/mobile_seo_ebook). Es handelt sich hier also um einen Trend, auf den Onlinehändler unbedingt reagieren müssen, um ihren Traffic und somit auch ihre Umsätze zu erhöhen. Die E-Commerce-Risen Ebay und Amazon setzen bereits auf mobil optimierte Webseiten, um einen möglichst hohen Kundennutzen gewährleisten zu können. Eine mobil nicht optimierte Seite löst Frustration beim Nutzer aus und kann zum Verlassen der Seite bzw. zum Kaufabbruch führen.

Trackbacks/Pingbacks

  1. […] the iPadRakuten vs. Amazon: Strategie trifft auf WirklichkeitThe State of Social Media ComplainingM-Commerce – Wie man in einem Jahr Geld verliertDesign Patterns: The Semantic, Responsive NaviconStylebop.com: Exklusive User ExperienceHier finden […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Du hast Fragen?

Gerne stehen wir Dir jederzeit für Fragen zur Verfügung. Du erreichest uns unter 06172-68097-0 oder per E-Mail unter training@konversionskraft.de.

Deine Referenten