Die 5 Todsünden der iPad Usability

Nach dem dritten iPad-App-Test weiß ich endlich: Zwischen Innovation, Kundenerwartung und Nutzererlebnis gibt es eine Art Bermuda-Spannungsfeld, das vielen Agenturen Menschen unbekannt ist. Die meisten Unternehmen, die auf den gerade vorbei fahrenden iPad-Innovationszug aufspringen, zahlen daher einen sehr hohen Preis - jedenfalls dann, wenn sie die Erwartungen ihrer Kunden (Motive, Wünsche, Werte) und die Art, wie Neues erlebt wird (User Experience, gefühlter Nutzen, emotionaler Wert), vergessen zu berücksichtigen.

Weil das alles nicht nur kompliziert klingt, sondern in der Praxis auch schwer umsetzbar ist, muss die neue iPad-App von Globetrotter als Anschauungsobjekt herhalten (sorry schon einmal dafür an alle Beteiligten - es ist wie beim Fußball schauen: "Lauf! Den hätte ich ja selbst schneller ins Tor gezimmert!" - ja ja, nörgeln ist einfach - "Mach es erst einmal besser!")

Dennoch werde ich jetzt gleich mal ganz unhöflich mit dem Zeigefinger ein paar Schwachstellen dieser iPad App anhand eines kurzen Video aufzeigen, denn:

- es entlarvt, dass bisherige "Checklisten" unvollständig sind

- es zeigt, warum Nutzer die App mit nur 2 von 5 Sternen bewerten

- das bietet die Chance für andere, etwas zu lernen (wie gesagt, Innovation hat einen Preis,...)

Wir haben in einer Art "Quick Check" vier Globetrotter-Kunden und iPad-Nutzer im Alter zwischen 30 und 42 Jahren gebeten, die neue Globetrotter App auszuprobieren. Ganz simpel - keine 30 Minuten Aufwand. Mal sehen, was die Nutzer sagen:

Globetrotter iPad App Usability Quick Check from Web Arts on Vimeo.

Das Video zeigt komprimiert alle Schwachstellen (ja, ich habe es mit meinem iPhone gefilmt,...), das Ergebnis ist daher nicht völlig unerwartet und deckt sich in weiten Teilen mit unserer Untersuchung der Otto HomeAffair App vor einigen Wochen.

Sie wollen fünf Sterne im App-Store? Dann vermeiden Sie diese 5 Todsünden bei der Entwicklung einer iPad-App:

  • Todsünde 1: Die App ist für den Marketingleiter und nicht für Kunden konzipiert.
    Derzeit sind viele Händler und Agenturen angesteckt vom iPad-Hype - das ist verständlich, schließlich ist dieses Gerät eine spannende Herausforderung. Dennoch muss jede Innovation für den Kunden und Endnutzer einen spürbaren Mehrwert liefern, sonst geht der Schuss nach hinten los. Im Falle dieser App haben alle Nutzer bestätigt, dass sie lieber im echten Katalog blättern um sich inspirieren zu lassen, im Internet suchen um schnell Profuktinformationen zu bekommen oder in ein Geschäft gehen um sich beraten zu lassen. Die iPad App kann für keinen Use-Case einen emotionalen oder funktionalen Mehrwert liefern, die angepriesenen Videos werden aufgrund des zu langen Vorspanns als "Werbung" eingestuft.
  • Todsünde 2: Damit es schnell geht, nehmen wir mal das, was wir schon haben.
    iPad Nutzer erwarten mehr als das, was sie schon kennen. Es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis jeder einzelne Proband seine Enttäuschung darüber zeigt, dass es sich "um ein PDF" oder "einfach nur einen Katalog" handelt. Besonders groß ist die Enttäuschung in dem Moment, wo auf die Warenkorb-Funktionalitäten des Onlineshops zurück gegriffen wird: "Da hätte ich ja auch gleich in den Onlineshop gehen können".
  • Todsünde 3: Mißachtung der alten Usability-Regln
    Nur weil das iPad neu ist, heißt das noch lange nicht, dass alte Regeln nicht mehr gelten. Nachzuschlagen beim Godfather of Usability, Jakob Nielsen, gilt auch heute: Eine Shopping-App ohne Suche geht einfach nicht. Eine performante und einfach zu bedienende Suche zählt zu den Basisanforderungen jeder Shopping-App, da gelten visuelle Bedienkonzepte und kreative Oberflächen nicht als Entschuldigung. Ein Blick auf das Konzept des Japaners Kano macht uns klar, warum auch der tollste Sportwagen ein "ordinäres" Lenkrad braucht und selbst die kreativsten Konzepte können es nicht ersetzen.
  • Todsünde 4: Fehlende Relevanz
    Das Beispiel zeigt: Die Videos in der App (eigentlich inhaltlich gute Beratungs-Szenen) werden innerhalb der ersten Sekunden bereits als "Werbung" eingestuft - das liegt am Vorspann mit Musik und werbevideotypischen Einblendungen des Logos an Gebäuden, etc. Erwartungen und Wahrnehmung der Kunden sind die Grundlage für ein erfolgreiches Konzept. An vielen Stellen wird jedoch deutlich, dass die App den Erwartungen der Nutzer nicht gerecht wird - ein Indikator dafür, dass bei der Konzeption die Nutzererwartungen nicht abgefragt wurden und die Anwendung vor dem Launch nicht von Nutzern getestet wurde.
  • Todsünde 5: Mißachtung der gerätspezifischen Erwartungen
    Das iPad verfügt über GPS und Neigunssensor, es liefert mit seiner Multitouch-Oberfläche völlig neue Möglichkeiten. Es ist permanent online und daher prädestiniert für soziale Mechanismen und Interaktivität. Nutzer haben dank iPhone gelernt, dass gute Apps diese Möglichkeiten nutzen und Informationen und Services teilweise völlig neu und andersartig kombiniert und aufbereitet werden ("Mash-Ups"). Nutzer äußern sehr klar ihre Bereitschaft, lieber auf Teile des Sortiments zu verzichten so lange ein Mehrwert geboten wird (z.B. eine spezielle App nur für Zelte oder Schlafsäcke - dafür für das Gerät aufbereitet). Also: an dieser Stelle ist echte Innovation gefordert und nicht "alter Wein in neuen Schläuchen".
  • Bonus-Todsünde: Keine Nutzertests machen.
    Das alles hätten die Urheber dieser App in etwas mehr als 30 Minuten auch selbst heraus finden können. Entweder haben sie es nicht getan, die falschen Fragen gestellt oder die falschen Schlüsse daraus gezogen.
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André Morys André Morys ist Gründer und Vorstand der Web Arts AG und beschäftigt sich seit 1996 mit der Conversion Optimierung von Websites und Onlineshops. André Morys ist Dozent für User Experience an der TH Mittelhessen und Autor des Fachbuchs "Conversion Optimierung". Er ist häufiger Sprecher und Moderator auf Konferenzen. /// @morys auf Twitter folgen /// facebook /// Google+

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18 Reaktionen auf  “Die 5 Todsünden der iPad Usability”

Kommentare

  1. Simon Köhler Simon Köhler

    Sehr unterhaltsames Video 🙂
    Und guter Artikel.

    Viele Grüße
    Simon

  2. Mario Fischer Mario Fischer

    Gute Zusammenfassung. Prinzipiell gelten Todsünde 1-4 ja auch für normale Websites 😉 Aber wir dürfen nicht müde werden, den HIPPOs (Hightes paid person) zu sagen, dass sie generell völlig untauglich sind, die eigenen Sites zu beurteilen. Ist halt schwer, weil die das Budget geben. Schon seltsam, dass HIPPOs immer meinen, nur die Websites der Mitbewerber wären völlig daneben… 😉

  3. danschaefer danschaefer

    Heisst der Usability Papst nicht Jakob Nielsen ?

  4. André André

    Ja, so heißt er, Danke für den Tipp! (Ich hatte wohl die Norman Nielsen Group im Kopf)

  5. Constantin Alecu Constantin Alecu

    Voll ins Schwarze getroffen. Auch wenn es nur ein erster Versuch ist, den man sich da zum Ausschlachten ausgesucht hat. Das es bench-marks gibt, haben die Macher ausser Acht gelassen oder der Auftraggeber hatte kein Budget dafür. Das kennt man ja. Wie auch immer: Wenn man draussen ist, kann auch jeder drauf schauen 😉

    Hat Spass gemacht zu lesen. Danke.

  6. Lasse Rheingans Lasse Rheingans

    …der Usability Gott soll Jakob Nielsen sein, oder?

    Ansonsten: Danke, ein schöner Artikel und ein schönes Video. Fast ein typischer Fall von „Wir brauchen eine iPad App, sofort!“

    Grüße aus Bielefeld, Lasse.

  7. André André

    @constantin: eigentlich wollen wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen – in diesem Fall kann man aber durch den unverstellten Blick auf die Schwachstellen noch einiges lernen. Ich glaube übrigens nicht, dass es eine Budgetfrage ist – hier geht es eindeutig um den konzeptionellen Blickwinkel und eventuell Zeitdruck weil man vorne dabei sein möchte.

    @lasse: ja, ich habe es schon korrigiert (Norman Nielsen Group + Jakob Nielsen = Hirnfehler) Ich habe ihn übrigens im Mai auf einem Kongress persönlich kennen gelernt. Ein extrem ruhiger bzw sogar schüchterner Typ, so ein richtiger Forscher, ein weißer Kittel würde gut zu ihm passen.

  8. Lasse Rheingans Lasse Rheingans

    Oha, vorm Kommentieren hilft manchmal, die Seiten des Morgens nochmal zu reloaden, um so Weisheiten wie Korrekturen nicht doppelt (und Stunden zu spät) nochmal abzugeben 😉

  9. André Morys André Morys

    Ja ja, das sind die Probleme des Echtzeit-Web,… hauptsache es ist jetzt richtig – deshalb nochmal Danke für den Tipp!

  10. Stefan Stefan

    Die schlechten Oberflächen vieler Apps haben meiner Erfahrung nach fast immer mit dem Management zu tun. Bei uns war das jedenfalls so: Die Manager merken, dass etwas neu und heiß ist (natürlich erst, wenn es in den Mainstream übergeht), bekommen Panik, gemischt mit „WILL AUCH HAAABN“ und wollen „irgendeine App“, egal was für eine. Dann ist das ganze Projekt ja „eh alles leicht, dass kann sogar mein Sohn, so was“.

    Da in der Kürze kein Know-How/freie Ressourcen im Haus aufzutreiben sind, wird die App-Programmierung an die erstbeste (und günstigste) Klitsche aus Haus vergeben. Die nehmen „irgendwelche“ Daten, ohne zu prüfen, ob die korrekt sind. Hauseigene Entwickler müssen genervt irgendeine API mit der heißen Nadel stricken, „weil der Chef eine App will“. Und es wird halt irgendein Interface gemacht, denn für Konzept war ja kein Geld über. Mag ein Einzelfall sein, dieses Erlebnis, aber ich befürchte fast: nicht.

  11. André Morys André Morys

    Nicht vergessen: beim iPad müssen auch viermal so viele Pixel gefüllt werden – der Zwang zur Simplifizierung ist auf dem kleineren Display des iPhone größer. Es sind also nicht nur die Manager schuld.

  12. Patrick Emmler Patrick Emmler

    Ich hätte die Agentur in der Luft zerissen!

  13. Angela Angela

    Es fehlt einfach eine einheitliche Gestaltungsrichtlinie auf der einen Seite und erfahrungsgemäß immer wieder das nötige Budget auf der anderen Seite.

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