Von Susanne Seibold | Hintergründe | 3 Reaktionen

Die spontane Motivations-Demotivation

Sonntag, 19.34 Uhr irgendwo in Deutschland – der innere Dialog der Claudia M.:
Ich, Schuhe kaufen, jetzt!
So oder ähnlich könnte man meine spontane Shopping-Motivation in einem Satz zusammenfassen! Herrlich so ein freier Sonntag Abend mit unvoreingenommener Shopping-Option. Noch schnell ne Tasse Tee aufgebrüht und es kann los gehen.

Hmmm… wie hieß doch gleich noch mal der Shop den man jetzt überall in der Werbung sieht? Zalando, ja genau!

Na ja, so richtig einladend wirkt er erst einmal nicht, eher etwas kühl! Beim Anblick des TÜV-Siegels muss ich spontan an Autos und Technik denken. Vielleicht doch eher etwas für meinen Freund? Aber ich bin ja hartnäckig, wenn es um Schuhe geht und wühle mich erst einmal artig durch die Angebote und Produktlisten.

Zalando - Startseite

Stiefel oder doch lieber Sandaletten?
Hm, der Winter scheint ja noch länger zu dauern. Ich denke, ich brauche noch ein paar Stiefel. Braun sollten sie sein – schwarze hab‘ ich schon 3 Paar. Also wähle ich unter Stiefel die entsprechende Filterfunktion für braune Stiefel. Huch, wieso werden mir jetzt auch graue und schwarze Stiefel angezeigt? Na ja, Schwamm drüber – die Mehrzahl der Stiefel ist braun.

Oh ja, der ist schön – den schaue ich mir mal genauer an.
Von dem Schuh gibt es einige Bilder, die ich mir in hoher Auflösung per Lupenfunktion genauer anschauen kann – herrlich! Aber wo ist denn die Produktbeschreibung? Ach ja, ich muss scrollen. Der Text ist lang, aber informativ. Na ja, ich will mir jetzt nicht alles durchlesen… Ich werde darüber informiert, dass der Stiefel aus Veloursleder ist, was eher nicht so mein Ding ist. Und unter „Das könnte Ihnen auch gefallen“ sind keine Stiefel in braun, obwohl ich doch schon mitgeteilt habe, dass ich braune Stiefel suche. Ausserdem bin ich auf der Detailseite eines halbhohen Stiefels und hier werden mir Stiefel angeboten, die bis zum Knie gehen. Versucht der Shop meinen Geschmack zu erraten?

Also zurück auf die Übersichtsseite über die Shopeigene Navigation, in Fachkreisen auch Bread Crumb genannt. Jetzt muss ich zunächst wieder nach braunen Stiefeln filtern, um dem System noch einmal zu verstehen zu geben, dass ich keine Stiefel in anderen Farben suche. Also, so richtig „zuhören“ kann der Shop nicht: da kann ich ja gleich mit meinem Freund einkaufen gehen…

Jetzt entdecke ich, dass ich auch nach Marken filtern kann – ich teste das mal. Jetzt zeigt er mir wieder nicht nur die braunen Stiefel an, sondern alle Farben einer Marke. So richtig ansprechend finde ich den Shop eh nicht. Dabei kann Schuhe shoppen so emotional sein!!!

Ich sehe mal nach was andere Shops noch so zu bieten haben. Humanic, zum Beispiel: ganz witzig die Aufmachung. Hier habe ich neben den zahlreichen Filterkriterien auch eine sehr gute Trefferquote. Unter „Trends“ werden mir 3 Themenwelten vorgestellt, die ich auf Anhieb inspirierend finde – hier schlägt mein Schuhherz höher.
Humanic - Themenwelt Trends
Äh, was wollte ich doch gleich mal? Stiefel? Aber hier finde ich auch wunderschöne Sandalen und na ja, der Sommer ist ja auch nicht mehr so fern, oder? Schnell fällt meine Aufmerksamkeit auf ein Modell, das in mir das „haben wollen“-Gefühl auslöst. Was mir auf der Produktdetailseite unter „Dazu passend“ angeboten wird fällt unter die Kategorie „Geschmackssache“ – auch hier stelle ich mal wieder fest, dass gut gemeinte Beratungsfunktionalitäten auf einer Art Zufallsgenerator basieren. Willkürlich werden mir oft Produkte angeboten, die ich mit meiner eigentlichen Suche nicht wirklich verbinden kann.

An diesem Sonntag Abend gab es dennoch einen eindeutigen Sieger.

Fazit:
Die Entscheidung für oder gegen einen Anbieter basiert auf vielen emotionalen Faktoren und wird oft spontan getroffen. Die Erfahrung von Claudia M. aus Irgendwo in Deutschland spiegelt lediglich einen kleinen Querschnitt der inneren Dialoge wieder mit denen sich Online-Shopper tagtäglich auseinandersetzen. Die Dialoge fallen oft einfacher oder auch komplizierter aus – umso wichtiger ist es, dass sich Anbieter mit eben diesen auseinandersetzen.

Susanne Seibold

Susanne Seibold untersucht Online-Shops mit Fokus auf die emotionale Wahrnehmung innerhalb der Zielgruppe. Ihre Leidenschaft gilt dem Joy of Use von Online-Shops und Communities.
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    3 Reaktionen auf „Die spontane Motivations-Demotivation

    1. Das ist mein Highlight! 🙂

      „Also, so richtig „zuhören“ kann der Shop nicht: da kann ich ja gleich mit meinem Freund einkaufen gehen… „

      • Hi Susanne, danke für diesen Artikel. Ich weiß genau warum ich keine Schuhe im Netz kaufen gehe. Auch wenn ich ein Mann bin weiß ich, dass Schuhe kaufen eine Art Ritual ist. Und einen geeigneten Shop für Männer habe ich derzeit im Netz noch nicht gefunden. Aber schön zusmamengefasst welche Dialoge der Kunde beim Einkauf ausübt.

        • Wow, auch wenn das ein fiktives Szenario ist, so ist das mal eine seeehr interessante Sichtweise einer sinnvollen Suchefunktion und der daran anknüpfenden Problematik des Crossselling. Was helfen diese Funktionen, wenn sie nicht aufeinander abgestimmt werden? Meistens ist es doch – so glaube ich als Nichttechniker – gar nicht so schwierig, die beiden Dinge aufeinander abzustimmen. Sie will doch nunmal braune Halbstiefel. Warum dann Sandalen? Klar. Das ist ein Weg, ihr noch anderes im riesigen Laden zu zeigen. Aber sie will braune Halbstiefel. Sollte man dann nicht alles daran setzen, ihr alle passenden Produkte zu zeigen? Ich muss morgen mal mit unserem Programmierer reden.

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