Von Julia Weisbecker | News | 4 Reaktionen

Responsive Design und Image Schemata – Die Highlights vom Usability Kongress 2013

Mit 40 Vorträgen und einem fast 12-stündigen Workshopangebot war der Usability Kongress in diesem Jahr gespickt mit einem vollem Programm. Schwerpunktthemen waren dabei Responsive Design, Mobile Customer Journey & Cross-Channel-Usability sowie Emotional Usability & Neuromarketing.

Keynote & Initialvortrag

Am 10. und 11. Oktober kamen ca. 200 Teilnehmer in Frankfurt am Main zum Wissensaufbau und Erfahrungsaustausch zusammen. Den Kongress leitete Jörg Ziesche, Direktor Internet/Mobile der ING DiBa ein, indem er betonte, dass das ganze Unternehmen kundenorientiert denken und digital aufgestellt sein muss. Er empfahl, jede Entwicklung mit der Customer Journey und einem Interaktionskonzept zu beginnen.

Weiterhin sagte er, dass User Experience Management heute zwar ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, aber zukünftig kein Erfolgsfaktor mehr sein wird und es dann darum geht, die Differenzierung „morgen“ mit den Basics von „gestern“ vorzunehmen. Bei der ING DiBa wird im Jahr eine Effizienzsteigerung von 3-10% durch Usability Maßnahmen erzielt, weshalb sich UX Management dort auch als Kostenreduzierer und nicht als Kostentreiber bewährt hat.

Dr. Torsten Ambs von mind store marketing vermitteltete den Teilnehmern auf witzige Weise, dass im Zeitalter von „WTF“ (nein, die Abkürzung steht nicht für das, was wir alle als WTF kennen, sondern für WhatsApp, Twitter, Facebook) und aufgrund der Tatsache, dass 6 von 10 Deutschen handysüchtig sind, ein Umdenken bei den Anbietern geschehen muss.

Heutzutage werden Handys und Smartphones nur noch zu 5% zum Telefonieren genutzt und wir Deutschen leiden mittlerweile an „Nomophobia“ (=No mobile phone phobia), nehmen deshalb unser Smartphone auch mit auf Toilette, bekommen Schockgefühle, wenn wir glauben, dass wir unseren kleinen Begleiter zu Hause vergessen haben und hören Hin und Wieder ein Phantomvibrieren. Face-to-Face-Kommunikation wird damit zur Ausnahme und Marken müssen beginnen „religiös“ zu werden, um langfristig bestehen zu können.

Responsive Design und Usability im mobilen Internet

„Responsive und trotzdem mobil“ lautete der Vortragstitel von Annika Brinkmann (Mobile-Knowledge.de), welcher sich mit den Responsive Layout Mustern nach Luke Wrobleski beschäftigte und viele Praxisbeispiele zeigte. Als Quick Wins für die Teilnehmer stellten sich dabei das Ausblenden der oberen Browserleiste, wie es bei coworkchicago.com praktiziert wird, oder die Kategorieauflistung in einem Onlineshop untereinander vorzunehmen statt der Verwendung von unschönen Pulldown-Menüs heraus.

Zudem empfahl sie, mit „Orientation Screen Fix“ zu arbeiten, was es ermöglicht zu verhindern, dass Bilder automatisch hochskaliert werden. Denn vor dem ersten Scrollen des Nutzers („above the fold“) sollten Inhalte angezeigt werden, damit man gleich erkennen kann, worum es geht. Dass man den Viewport auf die Bildschirmgröße anpasst, sollte ebenso zum Standard gehören wie die Sicherheit, dass diverse Skripte nicht die Funktionalität der Seite blockieren. Daher sollte jeder mit den Augen eines Nutzers und über ein mobiles Endgerät die eigene Website besuchen und deren Funktionen überprüfen.

Image-Schemata zur User Interface-Gestaltung

Hartmut Schmitt von der a3 systems GmbH und Diana Löffler, Lehrstuhl Psychologische Ergonomie Universität Würzburg, betitelten ihre Session mit „Innovatives Design mit System“ und sprachen über Image-Schemata, welche bei der Gestaltung von User Interfaces Berücksichtigung finden können.

Image Schemata sind grundlegende Bausteine wiederkehrender basaler Erfahrungen, die vom Gehirn unbewusst verarbeitet werden. Sie werden dazu verwendet, das Verständnis von der Welt zu strukturieren. Aus der Interaktion mit der Umwelt werden ähnliche, wiederkehrende dynamische Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster abstrahiert. Diese werden im Gehirn analog zur sensorischen Erfahrung, die visuell, akustisch, haptisch oder kinästhetisch sein kann, multimodal repräsentiert (Johnson, 1987). Quelle

Es gibt ca. 40 dieser abstrakten, multimodalen und analogen Objektrepräsentationen. So findet die räumliche Dimension „oben-unten“ beispielsweise bei Lautstärkereglern Anwendung: schieben wir den Balken nach oben wird der Ton lauter und umgekehrt. Image-schematische Metaphern lassen sich auch aus unserer Sprache ableiten. So repräsentieren Glücksgefühle immer das „oben“, indem wir von „himmelHOCH jauchzend“ oder „zuTIEFst betrübt“ sprechen.

Diana Löffler zeigte viele weitere faszinierende Beispiele, bei welchen Image Schemata mehr oder weniger erfolgreich Anwendung finden. Sie musste aber auch einräumen, dass vertraute User Interfaces nicht immer besser sind und man gestalten sollte, was der Benutzer sagt und sich dabei von image-schematischen Metaphern leiten lassen sollte.

Mehr Informationen zu Image Schemata gibt es hier.

Charakter als Erfolgsfaktor für Produkte und Websites

Prof. Andrea Krajewski von der Hochschule Darmstadt erklärte unter dem Titel „Anwendungen auf der Couch – Charakter-Therapie für eine bessere UX“, dass in dem selben Maße, wie sich Menschen gegenseitig durch ihre Interaktionen beeinflussen, auch eine gegenseitige Beeinflussung des Verhaltens von Menschen und Objekten stattfinden kann.

Wenn es uns gelingt, Objekten einen Charakter zu geben, kann auf diese Weise eine Beziehung hergestellt werden, die uns an das Objekt bindet. Dies lässt sich sowohl auf die Produktgestaltung als auch auf die Gestaltung von Webseiten und deren Funktionalitäten übertragen. Als Beispiele führte sie talkingcarl.com/tcweb.html oder das Energiesparsystem tio an. Der Vogel fungiert als Lichtschalter und ist eine Art „Mentor zur Lebensverbesserung“, indem er durch seine Farbe Kindern spielerisch den Umgang mit Licht beibringt.

Tio hilft den Kindern sparsam mit Energie umzugehen
Tio hilft den Kindern sparsam mit Energie umzugehen

Das Konzept explorativer Nachrichten wird z.B. auf der Plattform doodlebuzz angewendet, welche sich komplett von jeglichen bekannten Newsportalen unterscheidet. Dabei geht es darum, die Nachrichten zu entdecken, was im ersten Moment chaotisch scheint, lässt einen dann doch lange auf der Seite verweilen. Ein sehr inspirierender Vortrag von Prof. Krajewski, der zeigte, dass man eine Abgrenzung zum Wettbewerb schaffen kann, wenn es einem gelingt, seinen Produkten und Webseiten einen Charakter zu geben.

Take Aways

Auf dem Usability Kongress wurden viele Grundlagen vermittelt, die deutlich machen, dass in der Branche durchaus noch Bedarf an Basiswissen besteht. Jedoch sollte eine gute Usability auf jeder Website bereits als Standard zu finden sein und User Experience Management wird zukünftig eben kein Erfolgsfaktor mehr sein. Diesen Erfolg kann und wird aber die Conversion Optimierung leisten, wenn man sich mit Themen wie Customer Journey Mapping, Persuasion und Konsumpsychologie auseinandersetzt.

Zudem sollten alle Unternehmen bereits auf den mobilen Commerce vorbereitet sein und idealerweise mit Responsive Design arbeiten. Und wenn man es dann noch schafft, seiner Website einen Charakter zu geben, kann eigentlich nichts mehr schief gehen;-).

Julia Weisbecker

Julia Weisbecker ist Senior Conversion Manager bei konversionsKRAFT. Sie entwickelt Konzepte zur Optimierung von E-Commerce Plattformen mit dem Ziel der maximalen Wertschöpfung. Neben Conversion Optimierung zählen auch Webanalyse, Usability und Neuromarketing zu ihren Interessengebieten. Folgen Sie ihr auf Twitter oder kontaktieren Sie sie auf XING.
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4 Reaktionen auf „Responsive Design und Image Schemata – Die Highlights vom Usability Kongress 2013

  1. Hervorragender Post, vielen Dank.
    Bei solchen Beiträge lohnt es sich ja gar nicht mehr die Veranstaltung zu besuchen ;).

    • Responsive wird mit Sicherheit noch ein Geschäft für die heimischen Webdesigner. Es gibt zahlreiche Firmen in Österreich und Deutschland, die Ihre Seite noch nicht umgestellt haben. Auch die für die Conversion Rate Optimierung so wichtigen CRO-Texte, die ein entsprechendes bedarfsorientiertes Nutzerversprechen kommunizieren sollten, kommen bei der Masse noch viel zu wenig an. Konversionkraft.de ist hier der Vorreiter und für mich als SEO & Texter Pflichtlektüre. Weiter so. Tolle Beiträge habt Ihr!

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