Von André Morys | Trends | 4 Reaktionen

Das Ende der Agenturdenke

ID-Media ist insolvent. Ein Riese liegt am Boden. Kaputt nach 20 Jahren. Ein Pionier des digitalen Zeitalters, ein gigantischer Think-Tank voller Kreativität, Power und Erfahrung.

Eines der wenigen Überbleibsel des Web 1.0 und der Attention Economy. Ein Vorbild des interruptiven Marketing. Kaputt.

Für mich ist das ein Beleg für die Autorität der Nutzer. Ein Exempel für die Kraft des Kunden.

Der Beweis von Web 2.0.


Zur Geschichte:

Auf der Website liest sich „ID Media steht seit 1988 für innovative Marketing- und Technologielösungen. Wir arbeiten kreativ, wirtschaftlich und technologisch…“ wie ein in Bronze gegossenes Exempel. Ich bleibe unweigerlich am Wort „wirtschaftlich“ hängen. In der Ankündigung des Insolvenzantrages steht „… es war nicht möglich, den durch … das entsprechende konjunkturelle Umfeld bedingten Abwärtstrend des Unternehmens aufzuhalten.“

Aha. Der Abwärtstrend begründete sich also im konjunkturellen Umfeld. Nach über 20 Jahren Erfahrung – wie kann so etwas passieren?

Ein kleiner Exkurs zu Web 2.0: Ich glaube, Web 2.0 gibt es schon immer. Hat es immer gegeben und wird es auch immer geben. Nur eben ohne das „Web“. Web 2.0 heißt nur, dass Menschen sich austauschen, miteinander reden. Wenn mein Nachbar sagt, ein Produkt ist gut, dann glaube ich ihm eher, als wenn der Hersteller es sagt. Alles nichts Neues also. Und wenn Freunde das sagen, glaube ich ihnen noch mehr als dem Nachbarn.

Es geht um Glaubwürdigkeit

Es geht also darum, wem ich glaube. Und es geht darum, dass sich durch Kreativität, Effektheischerei und Unterbrechung diese Tatsache nicht verändern lässt. Auf einmal sprießen Beratungsfirmen wie Pilze aus dem Boden, die mir das erklären. In Vorträgen lässt sich  mit solch simplen Herleitungen Applaus erzielen. Wow.

Wie funktionieren Agenturen wie ID-Media? Sie funktionieren nach den über hundert Jahre alten Wertschöpfungsprozessen der Werbung. 1-zu-m, also einer zu vielen-Kommunikation. Da gibt es ein Briefing und der Creative Director sitzt mit dem Etat Director zusammen und sie spinnen eine Idee voller Kreativität die im Trend liegt und die Zielgruppe ansprechen soll.

„Dem Marketingdirektor gefällt die Idee nicht“

Also wird mit dem Team schnell ein alternatives Storyboard gescribbelt. Die Sache hat ein Ziel: Attention und Awareness. Die Story geht durch, die Produktion wird umgesetzt. Ein paar hundert tausend Euro wechseln den Besitzer.

Oder auch nicht. Nicht mehr. Weil immer mehr Menschen anfangen innerlich zu kotzen wenn die Unterbrechung immer mehr verstärkt werden muss um immer mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Falls das nicht geht, muss die Produktion einfach nur immer aufwändiger werden.

Seifenblasen und Spielregeln

Schade, dass die zerstörerische Kraft der Kreativität an manchen Stellen Arbeitsplätze kostet. Denn jeder weiß: Seifenblasen platzen wenn sie die Spannung verlieren. Oder wenn sie den Boden berühren. Manchmal liegt es aber einfach nur an fehlender wert-schöpfung.

Wer gewinnen will, muss die Regeln kennen. Die Spielregeln haben sich geändert – die meisten haben es nur noch nicht gemerkt. Ich freue mich jedenfalls auf eine spannende Zeit, in der nicht die kreativsten Umsetzungen gewinnen sondern die relevantesten Ideen.

Viel Erfolg!

André Morys

André Morys ist Gründer und Vorstand von konversionsKRAFT und beschäftigt sich seit 1996 mit der Conversion Optimierung von Websites und Onlineshops. André Morys ist Dozent für User Experience an der TH Mittelhessen und Autor des Fachbuchs "Conversion Optimierung". Er ist häufiger Sprecher und Moderator auf Konferenzen.
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4 Reaktionen auf „Das Ende der Agenturdenke

  1. Wow. An die kann ich mich auch noch erinnern. Ja Wahnsinn! Agenturgeschäft ist sehr gefährlich. Und sehr unprofitabel, im Großen und Ganzen. Wenn man die Pro-Kopf-Einnahmen mit denen einer Firma vergleicht, die erfolgreich ein Produkt verkauft (ok, hier kommt es auch darauf an…). Im Agenturgeschäft geht dann eben doch nur alles über Entlassungen, wenn man mit Angestellten arbeitet. Wer hier zu spät reagiert, der ist weg vom Fenster. Offenbar bleiben auch die Größten davon nicht verschont. Werden zukünftige Agenturen daraus lernen? Wohl eher nicht.

    Viele Grüße
    Sasa

    • Sehr guter Beitrag.

      Die Welt ist im Umbruch und keiner kriegt es mit. Auch ich freue mich auf eine spannende Zeit … so viel wird kommen.

      Begeisternde Beiträge in diesem Blog !!

      DerHerrLehmann, Berlin

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