Von André Morys | Trends | 17 Reaktionen

„Sie müssen die Welle jetzt reiten!“ (iPad-Shopping-Apps unter der Lupe)

„Herr Dr. Schmittermeier, jetzt ist der Hype, wir müssen dabei sein!“ (Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Agenturmensch seinen Kunden dazu überredet, in eine iPad-App zu investieren…)

Ist das iPad nur ein neues Ausgabergerät? Oder wird es durch emotionalere Shoppingkonzepte den E-Commerce revolutionieren? Ist es gar ein neuer Megatrend und wird die Buzzword-Bingo-Kasse des nächsten Versandhandelskongress füllen?

Ich nähere mich aus der Praxis. Mein Fazit nach etwas mehr als zwei Wochen iPad-Nutzung: von einer Revolutionierung sind wir noch weit entfernt. Im Gegenteil: Die Marketing-Maschinerie von Apple hat durch den extrem starken Hype eine Erwartungshaltung bei Nutzern aufgebaut, die die ersten Shopping-Apps in dieser Form nicht halten können…

Der Reihe nach. Was habe ich erlebt? Hier sind meine persönlichen Beispiele:

Beispiel 1: GAP 1969:

Die Fashion-Marke GAP präsentiert eine App als riesige Oberfläche zum „Erforschen“.

Gap iPad Shopping App

Das ist naheliegend, der Ersteindruck „Cool“ dauert aber nur ca. 20 Sekunden. Dann klicke ich auf eine Element. Ein Video geht in einer Box auf.

Gap iPad Shopping App Video

Der Kontext der Elemente wird mir nicht klar. Nutzer „verirren“ sich auf der großen Fläche. Jakob Nielsen kommt in seiner useit Alertbox zum gleichen Fazit.

Gap iPad Shopping App Produkt

Ein weitere Faktor: Das „Paradox of Choice“ (Wikipedia Link) – dem Nutzer wird in dieser Überauswahl nicht klar, was er tun soll.

Gap iPad Shopping App Kategorieseite

Ein Klick auf den Shop: nichts Neues – im Gegenteil, Basisinformationen fehlen, das Bild ist nicht zoombar, der Checkout ist grauenvoll umgesetzt – dem „Hype“ dieses Blogposts kann ich mich nicht anschließen.

Gap iPad Shopping App Loading

Fazit: iPad-App-Entwickler müssen zu aller erst ihre Usability-Hausaufgaben machen, denn „Begeisterung“ nützt nichts, wenn die Basisfaktoren nicht erfüllt sind.

Beispiel 2: Amazon

Hier habe ich von Anfang an eine andere Erwartungshaltung – die iPhone App von amazon war bereits überraschend gut. Wie schneidet die iPad App ab?

Amazon iPad Shopping App

Ersteindruck: Irritation – wo ist die Navigation über die Kategorien? (das ist schließlich *die* zentrale Frage von Besuchern in den ersten Sekunden!)

Amazon iPad Shopping App Produktseite

Beim Durchklicken: Vieles ist einfach anders, z.B. die verschiedenen Details zu Artikeln als „Blättern“ sind zwar als Kreativleistung positiv zu bewerten – als Umsetzung eines Mental Models jedoch eine Katastrophe.

Amazon iPad Shopping App Produktdetails

Der kognitive Aufwand für das Erlernen von Bedienung und Oberfläche ist einfach zu hoch. (Das erinnert mich an eine spannende Frage aus dem UX-Umfeld: Usability vs- Innovation – wo ist der richtige Punkt?)

Amazon iPad Shopping App Suchergebnis

Fazit: Es gibt einfach keinen Spaßfaktor. Nichts Neues. Das „Zurechtfinden-Müssen“ dominiert als Gefühl. Alles ist anders – aber nicht besser. Schade, von amazon hatte ich deutlich mehr erwartet.

Beispiel 3: JCPenney

Gleich zu Beginn: ein sehr guter Eindruck aufgrund der sehr minimalistischen und visuellen Gestaltung. (Ja, ich weiß was Sie denken – aber die Startseite sieht auch mit Haushaltsartikeln wirklich gut aus,…)

JCPenney iPad Shopping App

Gute Adaption: Die Möglichkeiten des iPad sind sehr gut ausgenutzt, ohne dass irgend ein Kreativdirektor gleich mit den vielen Gestaltungs-Möglichkeiten Amok gelaufen ist

JCPenney iPad Shopping App Produktseite

Schade: leider gibt es keine Shop-Funktion (vielleicht weil ich außerhalb USA bin? Die wissen aber auch alles…)

Beispiel 4: „myway“ Munich

Die Schuh-Customizing-App „myway“ der Marke Munich zeigt im Gegensatz zu den vorgenannten Beispielen eindrucksvoll, wie sich mit dem iPad Nischen besetzen lassen, wie hier das Thema Mass-Customizing:

myWay iPad Shopping App Customizing

Schafft das iPad neue Anwendungen?

myWay iPad Shopping App Größenauswahl

Dies könnte ein Vorgeschmack sein, aber wirklich neu ist das, was ich hier sehe nicht…

Beispiel 5: Abseits der Mode – BMW Magazine

Ersteindruck: 20 Minuten Ladezeit – wofür? Das BMW Magazin scheint eine 1:1 Adaption eines Print-Magazins auf das iPad zu sein. Langweilig durch und durch:

iPad BMW Magazin

Kein Mehrwert: Die Besinnung auf wenig neue Funktionalitäten hat bei JCPenney funktioniert – bei BMW enttäuscht die leblose Aneinanderreihung von Inhalten in Form von Text und Bild. Da hätte ein PDF-Download auch gereicht.

Mein Fazit (abseits der technischen Tipps zu Auflösung, Flash und Ladezeiten)

Das Gerät lebt von den Anwendungen – und die sind noch nicht wirklich ausgereift. Der „First-Mover-Advantage“ kann aufgrund fehlender Erfahrungen sogar zum Marken-Desaster werden, wie BMW zeigt. (Zum Thema First-Mover-Advantage: Google war die 17. Suchmaschine am US-Markt…). Die Pioniere sind es, die den hohen Preis der ersten Fehler zahlen – die, die nach ihnen kommen profitieren von den Erfahrungen.

Wird das Gerät den E-Commerce revolutionieren? Hmmmm…. Ich persönlich glaube, dass das Konzept der Smartphones mit Touchscreens aufgrund ihrer Mobilität, der integrierten Kamera, der Konnektivität, etc. revolutionärer als das iPad sind. Das iPad ist ein großes iPhone ohne Kamera und ohne echte Mobilität. Multitouch steht noch am Anfang.

Zuerst müssen die Hausaufgaben gemacht werden, dann wird sich zeigen, welchen Einfluss Geräte wie das iPad wirklich haben. Meine fünf Tipps für alle, die dennoch zu den ersten gehören wollen:

  1. Ohne Usability keine Begeisterung – die Basisfaktoren müssen erfüllt sein. Auch iPad Apps müssen getestet werden, der Hype um das Gerät alleine reicht nicht
  2. Informationsarchitektur: Einfaches hin-und-her-Sliden und zoomen reicht nicht. Es werden durchdachte Konzepte gebraucht, die perfekt auf Use-Case und Mental Model des Nutzers abgestimmt sind. Der richtige Punkt zwischen Usability und Innovation muss getroffen werden.
  3. Funktionalitäten: Neue Möglichkeiten stellen Informationsarchitekten vor große Herausforderungen. JCPenney zeigt, dass das Konzept „weniger ist mehr“ aufgehen kann. Hier waren iPhone-Apps meist besser da aufgrund des geringen Platzbedarfs die Informationsachitekten gezwungen waren mit beschränkten Mitteln auszukommen.
  4. „What’s In It For Me?“: Ohne Mehrwert (z.B. BMW) bleibt Enttäuschung als Markenwirkung übrig. Der Hype alleine reicht nicht, auch iPad-Apps müssen einen Mehrwert bieten.
  5. Gute Konzepte werden gebraucht: Die derzeitigen iPad-Appd sind noch weit davon entfernt, den E-Commerce zu revolutionieren, auch wenn das Gerät prinzipiell die Möglichkeiten hat. In erster Linie sind Informationsarchitekten und Usability-Experten gefragt um die neuen Möglichkeiten im Sinne der Nutzer richtig auszuschöpfen.

PS: Know-how über Usability und Informationsachitektur gibt’s auf dem ConversionCamp am 02. September in Frankfurt!

PPS: Diese fünf Apps sind nur eine Auswahl – hier sind noch viele weitere Screenshots von E-Commerce-Apps wie Yoox, Dace oder Gilt auf dem iPad:

André Morys

André Morys ist Gründer und Vorstand von konversionsKRAFT und beschäftigt sich seit 1996 mit der Conversion Optimierung von Websites und Onlineshops. André Morys ist Dozent für User Experience an der TH Mittelhessen und Autor des Fachbuchs "Conversion Optimierung". Er ist häufiger Sprecher und Moderator auf Konferenzen.
Frage zum Artikel? Frag den Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.