Von Matthias Henrici | News Trends | 0 Reaktionen

Live von der ECOM, Berlin ’09 – Trends im Online-Handel, Part II

Man verzeihe mir, dass ich nicht linear von der ECOM berichte, aber viele der Beiträge sind es nicht unbedingt wert, sofort niedergeschrieben zu werden. Ich konzentriere mich daher mal auf die wichtigsten und halte mich dabei nicht an die Reihenfolge:

Da sei als erstes der Vortrag von Prof. Wolfgang Henseler aus Offenbach erwähnt, dem „Hans-Dampf-in-allen-Usability-Gassen“ und das meine ich ausnahmsweise mal nicht ironisch ;-). Es ist beileibe nicht der erste seiner vielen Vorträge, den ich mir anschauen konnte und sie sind immer wieder spannend auch wenn sich seine Weiterentwicklung manchmal etwas zu oft auf die Ergebnisse der Arbeit seiner Studenten zu reduzieren scheint. Unter dem Titel „Abbiegen erlaubt? Neue Wege, Umwege und Irrwege der Nutzerführung in Onlineshops der nächsten Generation, führte uns Henseler in die Geschichte der GUI’s ein, die seines Erachtens zu NUIs werden, also aus ehemaligen Graphical-User-Interfaces (GUIs) werden in Zukunft Natural User Interfaces (NUIs) mit einem besseren Verständnis für das Verhalten von Menschen, für Wahrnehmung und Motivation.

Veränderungen in der Zukunft im Umgang des Menschen mit dem Computer sieht er dreigeteilt:

a) Multitouch. Also die Fähigkeit eines Screens mehrere Fingerbewegungen zu erkennen und intuitiver zu decodieren. Das iPhone ist ein Beispiel dafür

b) Multiuser. Die Fähigkeit des Computers, mehrere Menschen am Screen arbeiten zu lassen und zu unterscheiden, z.B. bei einem Touchtable

c) Multiscreen. Die Möglichkeit beliebige Objekte an und über unterschiedliche Mengen und Arten an Screens zu bewegen

Die Bedeutung der Mouse wird zugunsten des Fingers in Zukunft immer weiter zurück gedrängt. Ob damit der Verkauf an Sidolin-Streifenfrei-Screenputzmittel steigen wird ließ er offen (Sorry kleiner Scherz des Verfassers!)

Neben vielen interessanten Informationen über wahrnehmungspsychologische Details, wie der Tatsache, dass Menschen ungern symmetrische Reihen zerstören und sich damit beispielsweise eine Reihung von vier Produkten nebeneinander verbietet, wurde in vielen Beispielen (z.B. http://www.oskope.com) auf die OSIT-Theorie verwiesen. Das Entscheidungs- und Handlungsschema des Einkaufens OSIT, also O=Orientieren, S=Selektieren, I=Informieren und T=Transferieren wird bislang in Interfaces nicht auf optimale Weise umgesetzt. Er zeigte Beispiele seiner Studenten, die sich an solchen auf OSIT optimierten Interfaces versucht hatten.

Leider konnte er auf die Frage nach: „Wie rechnet sich das, können Sie uns Erfolgszahlen nennen?“ nur sehr unzureichende Antworten geben. Henseler meinte, er bekäme nur selten Zahlen seiner Kunden, da sie (seine Autraggeber) diese oft nicht wüßten und verwies stattdessen auf das Beispiel eines Kanu-Händlers, der verblüfft gewesen sei, dass man überhaupt mal eine Bestellung bekommen hätte. Das Wort „Conversion-Rate“ tauchte bei Prof. Henseler leider kein einziges Mal auf und auch auf die Frage welche Rolle das „Neuromarketing“ in Zukunft bei der Beurteilung und Optimierung von Interfaces haben wird, gab er sehr ausweichende Antworten. Dennoch: Prof. Henseler ist eine Lichtgestalt am Interface-Himmel, wenn ihm auch zuweilen das faktische und das betriebswirtschaftliche Kennzahlenwissen zu fehlen scheint.

Einen weiteren Auftritt hatte heute Gerd Leonhard, selbst ernannter „Media-Futurist“ und ein Evangelist für die Zukunft des Marketings in einer digitalen Welt. Mit seinem Vortrag „The End of Control and the Future of Retail&Marketing“ hielt er die Abschluss-Key-Note die im Wesentlichen (leider) eine Wiederholung des bereits am Vorabend gehaltenen Vortrags war. Sei es drum. Leonhard kann man sich immer wieder anhören. Kein anderer versteht es die Fehler einer ganzen Branche (z.B. die Musikindustrie) aufzudecken, genüsslich zu sezieren und zu servieren und schliesslich kreative Lösungsansätze für die Zukunft zu präsentieren.

Er stellte uns die Frage nach „Toxic Assumptions“. Toxic Assumptions sind fehlerhafte Grund-Annahmen die zu einer ganzen Kette von Entscheidungen führen und den Niedergang von Unternehmen oder ganzen Industriezweigen verursachen können. Im Falle der Musik-Industrie war es die Annahme, man kann und müsse ewig direkt, bzw. in direkter Beziehung mit einem Endkunden Geld mit Musikstücken verdienen, ohne Umwege. Das hat dazu geführt, dass sich die großen Player im Musik-Business jahrelang technologischen Entwicklungen entzogen und raubkopierende Kinder bestraft haben, anstatt sich etwas gänzlich Neues auszudenken, sich einer ganz neuen Beziehung zu Musikliebhabern zu stellen. Was das Lernen aus diesem tödlichen Fehler für unsere Marketing-Zukunft bedeutet, dazu später mehr.

…. to be continued

Matthias Henrici

Matthias Henrici ist eCommerce-Mann der ersten Stunde. Bereits Anfang der neunziger Jahre entwickelte er wertschöpfende Multimedia-Projekte u.a. für deutsche und internationale Unternehmen. Seit 11 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen. Matthias Henrici auf XING
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