Zukunftspotential von Mobile Commerce

Wenn ich mit meinem "alten" Handy ohne Touchscreen und ohne Qwertz-Tastatur E-Mails lese, im Internet surfe, twittere und Foursquare Check-Ins tätige, werde ich schon manchmal fragend angeschaut: "Das machst du alles mit DEM Handy?" - "Ja."


Klar ist es nicht sonderlich komfortabel und leicht zu bedienen, aber es ist möglich und wieso nicht Wartezeit unterwegs nutzen und seine E-Mails lesen. Nutzen konnte ich das schon lange vor iPhone und Co. doch einen wirtschaftlichen Nutzen haben die wenigsten daraus gezogen.
Nicht ganz unschuldig an dem verschlafenen Potenzial ist natürlich auch der nicht so ganz saubere Ruf von mobilen Applikationen dank Abo-Abzocken von Jamba & Co.
Aber Jamba zeigte auch hingegen wie man mit den einfachsten Bedürfnissen der Handy-Nutzer Geld machen konnte. So war lange Zeit die „Taschenlampe“ das meißt verkaufte Programm bei Jamba dessen Aufgabe es lediglich war das Display weiß zu schalten, damit man das Handy optimal als Taschenlampe nutzen konnte.

Der mobile Markt heute

Die Zeiten haben sich geändert. Dank neuen Smartphones werden mobile Apps immer umfangreicher und durch große Touchscreens lassen diese sich noch relativ simpel bedienen und dank schneller mobiler Netzabdeckung können die Apps immer aktuellen Content liefern. Ein richtiger Boom ist entstanden und jeder möchte dabei sein.
Doch hier liegt auch die Gefahr. Vielen kommt es nur darauf an schnell mit einer App auf dem Markt zu sein. Es kommt nicht darauf an, dass die App nützlich für den Benutzer ist, sondern lediglich dass man vorne mit dabei ist.
So verweilen Apps schon nach wenigen Tagen ungenutzt auf dem Smartphone aufgrund von fehlender Relevanz für den User.
Dabei ist das Potential von mobilen Geräten nicht zu unterschätzen.

Stärken

Passender Moment

Maren und Andreas schlendern durch die aktuelle Escher-Ausstellung im Kunstmuseum. Fasziniert bleibt Maren vor einem Bild stehen und will das Bild unbedingt haben. Das Original wäre natürlich viel zu teuer, aber kein Problem, schnell hat Andreas mit seinen HTC Desire passende Kunstdrucke im Internet gefunden und schließt direkt die Bestellung ab.

Unterwegs gibt es viele Situationen, in denen wir anfällig sind für Käufe. Wir sehen Dinge, die wir begehren, bemerken die sofortige Notwendigkeit von Dingen und lassen uns inspirieren von der Umwelt. Mobile Geräte können diese Begierde direkt bedienen. Sie sind immer greifbar in der Nähe und mit steigender Netzabdeckung und steigender Akkulaufzeit immer verfügbar.

Zweckmäßigkeit

Florian muss seinen Personalausweis erneuern. Zum Glück hat das Amt auch donnerstags länger offen, dann muss er nicht extra Urlaub nehmen. Nur blöd, dass so alle denken. Auf dem Amt angekommen, findet er eine lange Schlange vor sich. Kurzerhand zückt er sein iPhone um sich die Zeit zu vertreiben. Schnell läd er sich dafür noch ein neues Spiel im App-Store runter.

Handys laufen immer und sind griffbereit. Kein lästiges Hochfahren, keine Wartezeiten, das Handy ist sofort verfügbar und einsatzbereit. Durch diese schnelle Bereitschaft wird es häufig bei Wartezeiten oder Leerlauf genutzt. Beim Busfahren schnell mal ein bisschen surfen, in der Warteschlange kurz ein kleines Spielchen gespielt, die Möglichkeiten werden immer umfangreicher. Auch hier kann schnelles Geld fließen. Ein Spiel bei dem man z.B. spezielle Gadgets käuflich erwerben muss verleitet schnell auch mal dazu für virtuelle Güter ein paar Cent zu investieren.

Informationsqualität

Verena und Joe schlendern gemütlich durch die Stadt und überlegen, was sie am Abend noch machen sollen. Spontan kommt die Idee ins Kino zu gehen. „Ja was läuft denn gerade so?“, fragt Verena. Joe schaut schnell in seinem Blackberry nach… „Step up 3d, Männertrip, The Expendables,..“ – „Oh, ja Männertrip wollte ich noch sehen. Lass uns da rein gehen!“

Durch die mobile Netzabdeckung können sich Programme immer auf dem laufenden Stand halten und User direkt über Änderungen informieren. Informationen sind somit immer auf dem neusten Stand und sorgen für eine hohe Qualität.

Soziale Unterstützung

Mandy ist heute alleine in der Stadt unterwegs. Da bekommt sie eine Push-Nachricht von Fouresquare. Ihr Freund Basti hat gerade ein neues leckeres Café entdeckt und hat dort eingecheckt. Mandy schreibt ihm direkt, dass sie in der Nähe ist und auch vorbeikommt. Kaum ist Mandy angekommen tätigt sie auch direkt einen Check-in und freut sich auf ein nettes Gespräch mit Basti bei einem leckeren Kaffee. Weil sich beide bei Fouresquare eingecheckt haben, bekommen sie sogar Rabatt auf den Kaffee.

Durch die Netzabdeckung werden auch Daten von Bekannten und Freunden unterwegs relevant. Wer hat sich gerade in der Nähe mit Foursquare eingecheckt und hat einen netten Tip wo man einen leckeren Kaffee ergattern kann. Die Bluse, die mir im Laden gefällt stelle ich erst mal bei Facebook ein und schaue mir das direkte Feedback von Freunden an. Die Einbeziehung von Freunden und Bekannten in einen Entscheidungsprozess wird somit immer wichtiger.

Flow

Auch die Glücksforschung beschäftigt sich mit mobilen Geräten. Geht man in einer Tätigkeit auf und blendet das Drumherum aus, kann man in einen Zustand geraten, der genau zwischen Überforderung und Unterforderung liegt, der Flow genannt wird. Mobile Geräte wie das iPad haben hohes Potenzial den User zu fesseln und in den Flow-Zustand zu versetzen. Wieso ist das so?
Mobile Geräte lenken den User nicht durch externe Peripherie-Geräte wie Maus oder Tastatur von dem Gerät ab, sondern halten den Fokus des Users auf dem Gerät. Durch intuitive Bedienung, die teilweise aus der realen Welt bekannt ist, wird dafür gesorgt, dass keine Überforderung eintrifft und durch die Möglichkeit komplexe Programme ablaufen zu lassen, kann gegen eine Unterforderung gegengewirkt werden. So bieten mobile Geräte die optimale Voraussetzung für den Flow-Zustand.

Schwächen

Störeinflüsse

Daniel ist auf dem Heimweg mit dem Bus. Er vertreibt sich die Zeit und surft noch ein bisschen im Internet mit seinem Handy. Er stößt zufällig auf ein ziemlich schickes T-Shirt, was er sich gleich bestellen möchte. Aber bevor er den Bestellprozess beenden kann, kommt auch schon seine Haltestation. Er drückt schnell sein Handy aus, steckt es weg und steigt aus dem Bus. Die Bestellung wird nicht mehr beendet.

Die Störeinflüsse unterwegs sind größer als zu Hause vor dem PC. Die Wartezeit für die man das Handy gezückt hat, ist vorbei und man packt das Handy schnell weg, man wird von jemandem angesprochen oder man muss seinen Bus erwischen, es gibt viele Situationen in denen man unterwegs aus einer Situation mit dem Handy herausgerissen wird und die dann erst mal wichtiger ist.

Usererwartungen

User setzen bestimmte Erwartungen an die Bedienung und den Funktionsumfang eines Programmes. Werden diese nicht erfüllt und dient das Programm somit nicht zu seinem Wohl, wird das als Betrug gewertet.
Betrug? Wieso denn Betrug? Ph.D. B.J. Fogg von der Stanford University hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass Menschen ihr Mobilgerät nicht einfach als Werkzeug sehen, sondern als ein Teil von ihnen selbst. Und als ein Teil von ihnen selbst erwarten sie, dass sie damit ihre Ziele erfüllen können. Können die eigenen Ziele nicht erfüllt werden oder führt es im Gegenteil dazu, dass Ziele nicht erfüllt werden, fühlen sich die Menschen von dem Gerät betrogen.

Fazit

Ich mach jetzt mal eine App!

Eine Applikation für mobile Endgeräte sollte wohlbedacht sein. Es gibt ein großes Potenzial im passenden Augenblick für den User da zu sein und ein Geschäft abzuschließen. Hierfür sollten aber einige Grundvoraussetzungen erfüllt werden:
– Untersuchen Sie, ob und wie ihre Kunden mobile Geräte nutzen
– Untersuchen Sie die Bedürfnisse ihrer Kunden
– Versuchen Sie die Bedürfnisse mit ihrer Applikation zu erfüllen und sorgen damit für die nötige Relevanz
– Achten Sie auf die Bedienbarkeit ihrer Applikation
– Unterfordern Sie allerdings auch nicht Ihre Kunden, dann verbleibt die Applikation ungenutzt auf den Geräten

Meine Kunden nutzen mobile Geräte, muss ich jetzt eine iPhone App entwickeln lassen?

Überprüfen Sie zunächst, wie ihre Webseite auf einem mobilen Gerät aussieht. Kann der Benutzer alle Funktionen nutzen? Wie sieht es z.B. mit dem Produktzoom aus oder mit dem Bestellprozess? Als Grundvoraussetzung sollte erst mal ihr Onlineshop auch auf den mobilen Geräten funktionieren. Die Geräte leisten hierfür schon eine gute Vorarbeit, aber bestimmte Sachen funktionieren halt einfach nicht, wie z.B. Flash oder ein Mouseover.
Überlegen Sie dann, wie eine native App einen Mehrwert für den Besucher bieten kann. Zum Beispiel indem Steuerungsmöglichkeiten mit Wischen und Ziehen voll ausgenutzt werden oder die Situation der Nutzer unterwegs mit einbezogen wird.
Eine Hauruck-Aktion ist also nicht angesagt. Eine schnelle allerdings schlechte App kann die Neugierde auf eine neuere bessere Version zerstören. Bringen Sie die App also erst mit vollem bzw. sinnvollem Funktionsumfang online und machen keine halbe Sachen, dann kann auch das Potenzial für mobile Geschäfte voll ausgenutzt werden und ihrem Kunden ein wirklicher Nutzen geboten werden.

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Manuel Ressel Manuel Ressel ist Head of UX Design bei der Web Arts AG. Seine Leidenschaft gilt dem Thema der Emotionalisierung von Kauf-Prozessen in E-Commerce-Portalen. Manuel Ressel ist unentwegt auf der Suche nach einzigartigen Shop-Perlen und neuen Design Trends im E-Commerce und sammelt diese in dem E-Commerce Showcase conversiondesign.de. Folgen Sie ihm auf Twitter, Google+ oder Facebook.

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6 Reaktionen auf  “Zukunftspotential von Mobile Commerce”

Kommentare

  1. FM FM

    1. „(…)Mandy ist heute alleine in der Stadt unterwegs. Da bekommt sie eine Push-Nachricht von Fouresquare. Ihr Freund Basti hat gerade ein neues leckeres Café entdeckt und hat dort eingecheckt. Mandy schreibt ihm direkt, dass sie in der Nähe ist und auch vorbeikommt(…)“

    – Und wie viele Personen erhalten zusätzlich diese Push-Nachricht, wenn sie nicht in der Nähe des Cafés sind bzw. gar nicht dran interessiert sind?

    2. „(…)Florian muss seinen Personalausweis erneuern. Zum Glück hat das Amt auch donnerstags länger offen, dann muss er nicht extra Urlaub nehmen. Nur blöd, dass so alle denken(…)Kurzerhand zückt er sein iPhone um sich die Zeit zu vertreiben(…)“

    – Ist Florian zum ersten Mal auf einem Amt? Mit Wartezeiten ist da immer zu rechnen. Dementsprechend könnte er sich auch ein Buch oder eine Zeitung mitnehmen, was ein wesentlich besserer Zeitvertreib wäre als ein Spiel auf dem iPhone. Eine andere, absurde Möglichkeit wäre auch, sich mit den anderen Wartenden zu unterhalten. Aber wozu, wenn man doch ei iPhone hat.

    Ich finde immer noch den Nutzen von mobile commerce überschätzt. Sicherlich sind mobile Geräte ein prima Informationsbringer, aber mehr als Kleinkram wird denke ich nicht auf die Schnelle übers Handy gekauft. Eher könnte das Handy als Lockvogel dienen mit Rabatt-Aktionen etc.

    Zudem empfinde ich jetzt schon ein ich nenne es mal Info-Rauschen durchs Internet. Nicht jede Info muss auf irgend welchen Wegen durchs Netz zu mir gelangen. Wenn ich allein in die Stadt gegangen bin, dann will ich auch nur schnell etwas erledigen. Dann will ich nicht wissen, ob xy gerade ein neues Café entdeckt hat oder ob yz eine neue Bluse kaufen will und dafür erst einmal Meinungen bei Facebook sammelt.

  2. Torsten Hubert Torsten Hubert

    Hallo FM,

    ich kann Ihre Bedenken durchaus verstehen. Viele Menschen empfinden diese „Informationsflut“ als störend. Aber dieser Information-Overload existiert schon immer.

    Clay Shirky (Amerikanischer Autor, Berater und Redner zum Thema Internet – speziell Web 2.0) hat einmal einen hier sehr gut passenden Satz gesagt:
    TRUE PROBLEM, FILTER FAILURE!

    Also in meinen Augen trifft dieser Satz besonders auf das Mobile-Life zu. Ob ich Push-Nachrichten von meinen Freunden / Bekannten / Kontakten erhalte, kann ich in meinem Endgerät einstellen. Ob ich welche poste, kann ich ebenfalls entscheiden. Geht mir die Informationsflut auf den Senkel, schalte ich die Nachrichten aus und ich habe meine Ruhe.

    In meinen Augen ist das nichts anderes, als beim Fernseher. Wenn etwas kommt, dass mich nicht interessiert oder nervt, dann mache ich einfach meinen Fernseher aus und lese ein Buch, oder mache sonst etwas.

    Das Problem liegt in meinen Augen also nicht am System, bzw. den Möglichkeiten die das System bietet, sondern daran, dass die Nutzer sich genötigt fühlen daran teilnehmen zu müssen.

    Und das kann jeder für sich selbst entscheiden, bzw. sinnvoll filtern. 😉

  3. Hannes Hannes

    Mir erschließt sich nicht, was der Titel mit dem Text zu tun hat. Ich kann FM weitestgehend zustimmen. iPhone und Co. sind mehr oder weniger nur zum konsumieren, anstatt zum agieren gedacht. Ich bezweifle das dass jedem von Nutzen ist. Wie dem auch sei, ich finde diese ausgelutschte Argumentation „während des Busfahrens und während des Wartens auf die Bahn“ immer sehr amüsant. Wahrscheinlich muss der ÖPNV immer herhalten, wenn „Marketingexperten“ nichts weiter einfällt. Wir sind Deutschland. Eine Autofahrernation. Da wird es mit der Nutzung von iPhone & Co etwas schiwerig. Aber das nur am Rande.

    MCommerce ist für mich ein Begriff aus der Marketingecke. Es ist nicht mal ein Hype. Es ist nur eine neue Verpackung, um althergebrachte Dinge als innovativ und neu zu verkaufen. Klar ermöglichen LBS oder Push sicher teilweise völlig neue Dinge, aber allein das reicht es nicht. Es ist immer noch ein Internet und die Anwendungen unterschieden sich nicht wirklich. Vielleicht Design und User Experience. Aber das wars auch schon. Von daher darf die Existenz von mCommerce als etwas Eigenständiges und Besonderes wirklich angezweifelt werden. Es ist nicht mal etwas evolutionäres. Lediglich eine kleine Weiterentwicklung bereits bestehender Systeme und Anwendungen.

  4. Tom Martz Tom Martz

    Der schönste Web-Shop ist zu nichts Nutze, wenn die Anwendung nicht für Smartphones optimiert wurde. So wird stöbern, kaufen und bezahlen nämlich schnell zum Frust-Erlebnis. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, wenn man ein paar Regeln beherzigt:
    http://blog.marketingshop.de/verkaufskanal-mobiles-internet-7-mobile-commerce-tipps-fur-online-handler/

  5. Alex Bohr Alex Bohr

    Das ist sehr richtig!

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