Mobile First – Erfolgreicher Ansatz oder übertriebener Hype?

Mit den steigenden Website-Zugriffen über mobile Geräte hat sich auch im E-Commerce das Thema Mobile Web und mobile Applikationen zu einem wichtigen Trend im letzten Jahr entwickelt. Viele große Firmen wie Facebook, Adobe und Google - aber auch Start-Ups wie Instagram - haben diesen Trend erkannt und neue Plattformen und Features teilweise zunächst für mobile Geräte entwickelt und die Desktop/Web-Variante erst später nachgezogen. Luke Wroblewsky hat die Vorteile dieser Vorgehensweise schon früh erkannt und den Begriff "Mobile First" geprägt.Der Ansatz erreichte aufgrund der schlüssigen Vorteile eine breite Zustimmung und Unterstützer. Doch ist Mobile First für jedes Projekt wirklich geeignet oder sollte man die Vorgehensweise nicht mit etwas Abstand betrachten und den eigenen Markt genau betrachten bevor man einem "Hype" folgt?

Wachstum = Chance

Ein wichtiges Argument für Mobile First ist das enorme Wachstum der Mobil-Branche. Das Potenzial lässt sich sehr gut anhand der beachtlichen Umsätze bei Amazon, eBay oder BestBuy über mobile Geräte erkennen. Auch ist ein Wandel bei der Nutzung von Diensten abzusehen. Die mobile Nutzung von sozialen Plattformen wie Twitter oder Instagram und Diensten wie E-Mail oder Google-Suche ist beachtlich. Während die Nutzung über mobile Geräte stark ansteigt, stagniert die Nutzung über Desktop-Systeme.

Quelle: The Next Web

Quelle: The Next Web


So euphorisch dies auch für die Zukunft klingen mag, sollte man bedenken, wo aktuell das Geschäft noch abgeschlossen wird und für welche Plattform man sein Produkt am schnellsten und besten optimieren kann.

Vibhu Norby, Gründer von Origami, berichtet von einigen Mobile First Start-Ups, die Probleme aufzeigen, erstens eine kritische Masse an regelmäßigen Nutzern zu erreichen und zweitens Prozesse für Ihre mobilen Applikationen zu optimieren.

Die Hürde regelmäßigen Traffic auf eine Website zu ziehen ist wesentlich geringer als regelmäßige Nutzer für eine App zu gewinnen. Für die App muss ein kompletter Prozess vollzogen werden, um einen regelmäßigen Nutzer zu generieren: App herunterladen – App nutzen – App weiter nutzen – App auf Homescreen legen. Diesen Prozess bei einem Nutzer komplett zu vollziehen ist wesentlich schwieriger als ein regelmäßiger Aufruf einer Website, der durch einen einfachen Klick auf einen Link passiert.

Für die Analyse und Optimierungen von Webseiten gibt es bereits etablierte Tools und Vorgehensweisen. Es können relativ kostenschonend Varianten eines Prozesses parrallel getestet und angepasst werden. Bei einer nativen Applikation ist der Aufwand für Anpassungen noch wesentlich aufwendiger und kostspieliger.

Grenzen = Fokus

Aufgrund der eingeschränkten Bildschirmgröße, geringeren Bandbreite und Steuerungsmöglichkeiten muss man sich bei der Konzeption für mobile Geräte gegenüber Websites einschränken. Das heißt man ist automatisch dazu gezwungen sich auf die wichtigsten Funktionen und Inhalte zu fokussieren. Dieser Fokus kann auch für die spätere Web-Variante helfen, keine unnötigen Funktionen einzubauen.
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Doch mal ehrlich, haben wir nicht gerade über das Web und das Verhalten von Nutzern im Web schon so viele Informationen und Input, wie über kein zweites Medium? Kann hier nicht schon eine Einschätzung erfolgen, welche Elemente elementar oder nützlich für den Nutzer sein können? Bei der Konzeption von mobilen Apps etablieren sich andere Verhaltensweisen, die noch nicht so weitgehend untersucht sind. Von daher wird alleine die Konzeption einer mobilen App mehr Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen, als die Web-Variante. Im Schluss heißt das, dass eine Website kostengünstiger produziert und der ROI schneller erreicht werden kann.

Und wer sagt eigentlich, dass die Fokussierung der mobilen Version auch in der Web-Variante gewünscht ist? Im Web habe ich den Platz und die Funktionen, weitergehende Informationen anzuzeigen, die durchaus für den Benutzer von Interesse sein können, aber eben nur auf dem Desktop. Wieso also diese nicht auch einsetzen, wenn sie dem Nutzer einen Mehrwert bieten können, der eventuell in der mobilen Variante aufgrund von Einschränkungen nicht mehr gegeben ist?

Einsatzmöglichkeiten = Innovation

Smartphones und Tablets bieten wirklich schöne Funktionen, die für interessante Geschäftsmodelle genutzt werden können und auch den Nutzer begeistern können. Touchdisplay, Gesten, Augmented Reality, Standorterkennung, Lagesensor etc. sind alles technische Finessen, die durch einen kreativen Einsatz ein Begeisterungsmerkmal für Nutzer darstellen können. Hierzu muss man sich zum Beispiel nur mal ansehen mit welcher Leichtigkeit Kinder lernen ein iPad zu bedienen und damit umzugehen. Das iOS-Design gepaart mit dem Touch-Display ergibt für den Nutzer ein stimmiges NUI (Natural User Interface). Dieses kann er intuitiv bedienen (z.B. Blättern, Vergrößern, etc.) ohne eine sichtbare Interaktionsaufforderung (Button o.ä.) im Design zu erkennen.
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Begeisterungsmerkmale können die Kundenzufriedenheit steigern – keine Frage. Doch die Begeisterungsmerkmale helfen nicht weiter, wenn zunächst wie oben beschrieben gar keine kritische Masse an regelmäßigen Nutzern erreicht wird. Zudem nimmt mit der zunehmenden Verbreitung auch nach und nach die Begeisterung ab und die Begeisterungsmerkmale werden schnell zu Basismerkmalen. Ein höheres Potenzial kann dann durch die mobile Applikation nicht mehr erzielt werden – sie gehört zur Pflichtkür.

Fazit: Von Mobile First zurück zu Web First?

Start-Ups wir Instagram zeigen sehr gut, dass Mobile First sich durchaus als eine erfolgreiche Geschäftsstrategie erweisen kann. Doch Gegenbeispiele zeigen auch, dass diese Erfolge mit Vorsicht zu genießen sind. Bei Instagram ist das Geschäftsmodell an sich schon stark auf Smartphones ausgelegt und die Mobile First Strategie ergibt so auch einen Sinn. Ist diese Ausrichtung nicht zwangsläufig durch das Geschäftsmodell vorgegeben, sollte genau der Markt und die Chancen betrachtet werden. Kosten für die Entwicklung und die Möglichkeiten für ressourcenschonende Analyse und Optimierungszyklen sollten dabei ordentlich eingeplant werden.
Letztendlich ist es zwar beeindruckend wie schnell der mobile Markt wächst, doch sollte man nicht aus den Augen verlieren, über welchen Kanal man mit seinem Geschäftsmodell die meisten Nutzer und Abschlüsse generieren kann.

weiterführende Links:

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  • https://www.konversionskraft.de/?p=15747
Manuel Ressel Manuel Ressel ist Head of UX Design bei der Web Arts AG. Seine Leidenschaft gilt dem Thema der Emotionalisierung von Kauf-Prozessen in E-Commerce-Portalen. Manuel Ressel ist unentwegt auf der Suche nach einzigartigen Shop-Perlen und neuen Design Trends im E-Commerce und sammelt diese in dem E-Commerce Showcase conversiondesign.de. Folgen Sie ihm auf Twitter, Google+ oder Facebook.

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8 Reaktionen auf  “Mobile First – Erfolgreicher Ansatz oder übertriebener Hype?”

Kommentare

  1. Eckhard Schneider Eckhard Schneider

    Sehe ich ähnlich – ich bin ein großer Mobile-Fan, und da liegt sicher auch die Zukunft, aber aktuell sind die Nutzer eben noch nicht so weit. Wie die ARD/ZDF-Onlinestudie von 2012 gezeigt hat (http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=372) ist die Mobile-Nutzung 2012 auf einem vergleichbaren Stand wie die Online-Nutzung 2000. Gerade für den E-Commerce ist das halt ein bisschen wenig…

    Lieben Gruß
    Eckhard

  2. Mario Burgard Mario Burgard

    Vielen Dank, dass es hier mal von eindeutig professioneller Seite angezweifelt wird.

    Denn aktuell halte ich es einfach für einen Hype. Gut, ich bin kein E-Commerce Experte. Nichts destotrotz muss ich für eine Direct Response Kampagne trotzdem darüber nachdenken, ob ich den mobilen Kanal mit berücksichtigen muss.

    Es wird mehr. Es wird häufiger genutzt. Ja. Das stimmt. Es ist bereits jetzt schon nicht mehr zu vernachlässigen. Aber den primären Fokus darauf zu legen… sicher nicht.

  3. Peter Peter

    Ich glaub der Vergleich von „mobile first“ (als App) und Web First. Der Ansatz von Luke Wroblewsky beschreibt ja nicht die Konzeption einer App als erste Strategie, sondern ganz im Gegenteil das mobile Nutzungserlebnis auf einer Website. Er geht da meiner Meinung nach viel mehr in die Richtung Responsive Design für Websites.

    Es gibt sicherlich viele Websites die weniger „mobile“ Besucher haben als „normale“ Besucher. Den mobilen Besucher jedoch mit der Standard Website abzuspeisen fände ich gefährlich. Ebenso mit einer abgespeckten mobilen Version. Und da kommt genau der Ansatz von Luke Wroblewsky zur Geltung. Schaffe ich dem Nutzer ein tolles mobiles Erlebnis (Rein vom Konzept her), dann schaffe ich das im zweiten Schritt auch mit der „Desktop-Variante“.

  4. Manuel Ressel Manuel Ressel

    Hallo Peter,

    ich hinterfrage nicht den Einsatz von mobilen Webseiten, sondern die Vorgehensweise mit der mobilen Variante zu beginnen und damit auch den Schwerpunkt auf diese Variante zu verlegen.

    Wieso sollte ich zunächst eine mobile Variante umsetzen, mit der alleine ich noch nicht so viel Umsatz machen kann, wie mit der Desktop-Variante. Zudem habe ich bisher noch keine Zahlen gesehen, die belegen, dass eine mobil optimierte Variante auch auf die Desktop-Variante einen positiven Einfluss hatte. Man kann viele Hypothesen aufstellen, aber ohne sie zu belegen, bleiben sie Hypothesen.

  5. Peter Peter

    Hallo Manuel,

    aber wenn ich doch konzeptionell mit der mobilen Website beginne und das dann für die Desktop-Variante adaptiere ist das, meiner Meinung nach, einfacher als umgekehrt.
    Geht man den anderen Weg ist es meiner Meinung nach schwer nachzuvollziehen was die Nutzer auf der mobilen Seite erwarten — eine angepasste Website, eine gezoomte Website, eine Website mit weniger Informationen?

    Ebenso ist fatal einfach mal davon auszugehen, dass der mobile Nutzer irgendwas nicht auf der Website machen möchte. In einem Video von Luke Wroblewsky sagt er ja selber, dass es unmöglich ist einfach zu bestimmen, dass der mobile Nutzer irgendwas nicht macht. Er hatte in unterschiedlichen Projekten tatsächlich dann Anfragen der Nutzer erhalten, warum dies oder dies nicht auf der Mobilen-Variante zu finden ist. Das lässt vermuten, dass man den mobilen Nutzer nicht mit einer abgespeckten Version zufriedenstellen kann.

    Das sind aber nur Erfahrungswerte, Zahlen dafür habe ich nicht. Außerdem sind mir leider keine Studien bekannt, die vergleichen wie die Erwartungshaltung eines Nutzers ist der zuerst die mobile Website betrachtet hat und umgekehrt.

  6. Webstandard-Blog (Heiko) Webstandard-Blog (Heiko)

    Die Frage ist doch auch was je nach Zielgruppe, überhaupt „mobile“ bedeutet. Bei den einen sind es Smartphones bis zu den das gesamte Konzept aus Content, Design, UX und Technik herunter gebrochen werden muss, bei anderen sind Tablet-User die Zielgruppe. Wenn man sich dann die ZDF-Studie ansieht und erkennt das für ein viertel als Nutzer zwischen 14 bis 29 Jahren das „mobile Internet“ unverzichtbar ist, ist dies für eindeutig mehr als nur ein Hype. Auf der anderen Seite ist „relativ einfach“ eine Anwendung wie Instagram vom mobilen Ansatz her umzusetzen, während andere wesentlich komplexere Anwendung ein wenig mehr „gedankliche Investition“ notwendig haben, wenn man diesen Schritt vollziehen möchte.

  7. Laura Müller Laura Müller

    Meiner Meinung nach ist es gar nicht mehr zeitgemäß in Desktop und Mobile zu unterteilen (kleine Laptops, große Tablets, große Smartphones, 7″ Tablets, …). Jeder Nutzer sollte, egal mit welchem Gerät er auf Inhalte zugreift, die Chance bekommen, das zu finden, was er sucht. Deshalb halte ich den Ansatz für kleine Displays Inhalte zu reduzieren einfach falsch. „Mobile first“ ist nichts weiter als eine Maßnahme Inhalte zu priorisieren und darüber nachzudenken, was für den Nutzer im Fokus steht, wenn er eine Webseite besucht. Und ja Desktop-Seiten gibt es schon lange, aber die meisten sind immer noch unübersichtlich und überladen.

    Mobile first ist ein guter Ansatz, um bei der Konzeption einer Website alle Ausgabemedien zu berücksichtigen.

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  1. […] Parole “mobile first” bislang nicht überzeugend fand, lag wohl nicht falsch. Nicht nur mit Blick auf solche Zahlen. Andererseits zeigt der enorme Zuwachs an mobilen Usern, dass es Zeit […]

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