“Paradox of Choice” – Erleichtere Deinen Kunden die Wahl!
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Behavior Patterns

9 min Lesezeit

Paradox of Choice: Wann zu viel Auswahl wirklich Käufe kostet

Das Marmeladen-Experiment ließ sich nicht zuverlässig wiederholen. Was die Forschung heute sagt und wie du deinen Kunden die Wahl erleichterst.

Von André Morys · Veröffentlicht am 27.04.2017

Inhalt

  • Das Marmeladen-Experiment von Iyengar und Lepper
  • Warum das Experiment nicht hält, was es verspricht
  • Wann zu viel Auswahl wirklich schadet
  • Was 60 Experimente aus unserer Datenbank zeigen
  • Was das für deinen Onlineshop heißt
  • Im Video erklärt
  • Testen statt glauben
  • Häufige Fragen
  • Quellen

E--Mail Kurs: Behavioral Sciences

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Vier eigenständige E-Mail-Kurse zeigen dir, wie du Behavioral Sciences in deinem Alltag anwendest – egal ob du mehr Uplift willst, dein Team mitnehmen musst, Behavioral Sciences strategisch verankern oder selbst Expert:in werden möchtest.

Dieser Artikel fasst unseren Beitrag von Matthias Henrici aus dem Jahr 2012 und unser überzeugungsKRAFT-Video zusammen. Wir haben ihn im Oktober 2026 grundlegend überarbeitet, weil sich die Forschungslage geändert hat.

Mehr Auswahl, weniger Käufe. Kaum eine These aus der Verhaltensökonomie wird in Marketing-Präsentationen so oft zitiert. Als Beleg dient fast immer das Marmeladen-Experiment aus Kalifornien. Wir haben 2012 selbst darüber geschrieben und daraus Tipps für Onlineshops abgeleitet.

Seitdem hat die Forschung nachgelegt. Das Ergebnis ist unbequem: Der Effekt ist viel schwächer und viel seltener, als das Experiment vermuten ließ. Dieser Artikel erklärt, was die Studien heute sagen, wann zu viel Auswahl tatsächlich schadet und was du in deinem Shop daraus machst.

Das Marmeladen-Experiment von Iyengar und Lepper

Die Psychologen Sheena Iyengar und Mark Lepper bauten in einem Delikatessengeschäft in Kalifornien einen Probierstand auf. An manchen Tagen standen dort 6 Sorten Marmelade, an anderen 24. Kunden durften probieren und bekamen einen Gutschein für den Kauf.

24 Sorten

6 Sorten

Passanten, die am Stand stehen blieben

60 %

40 %

Davon kauften später ein Glas

3 %

rund 30 %

Käufer bezogen auf alle Passanten

rund 2 %

rund 12 %

Ergebnisse des Marmeladen-Experiments nach Iyengar und Lepper (2000).

Die große Auswahl lockte also mehr Menschen an. Gekauft haben aber fast nur die, die vor der kleinen Auswahl standen. Die Studie erschien im Jahr 2000. Der Psychologe Barry Schwartz machte den Effekt 2004 mit seinem Buch „The Paradox of Choice“ weltbekannt. In der Forschung heißt er heute meist Choice Overload, auf Deutsch Auswahlparadox.

Unser Artikel von 2012 zog daraus einen widersprüchlichen Schluss. Er riet davon ab, das Sortiment zu verkleinern, weil die große Auswahl mehr Interessenten bringt. Eine Leserin wies schon damals in den Kommentaren darauf hin, dass am Ende die Käufer zählen und nicht die Interessenten. Sie hatte recht.

Warum das Experiment nicht hält, was es verspricht

Das eigentliche Problem liegt woanders. Der Effekt lässt sich nicht zuverlässig wiederholen.

Die Wiederholung in Deutschland. Der Psychologe Benjamin Scheibehenne baute das Experiment 2008 in einem gehobenen deutschen Supermarkt nach. Er fand keinen negativen Effekt der großen Auswahl.

Die Metaanalyse von 2010. Scheibehenne, Rainer Greifeneder und Peter Todd werteten danach 50 Experimente mit zusammen 5.036 Teilnehmern aus. Der durchschnittliche Effekt lag praktisch bei null (d = 0,02). Manche Studien fanden starke Effekte, andere das Gegenteil. Dort führte mehr Auswahl zu mehr Käufen. Ihr Fazit: Choice Overload ist kein robustes Phänomen.

Die Metaanalyse von 2015. Alexander Chernev, Ulf Böckenholt und Joseph Goodman werteten 99 Beobachtungen mit 7.202 Teilnehmern aus. Sie fragten nicht, ob der Effekt existiert, sondern wann. Ihre Antwort: Zu viel Auswahl schadet nur unter bestimmten Bedingungen. Dann allerdings deutlich.

Eine große Auswahl kostet also nicht automatisch Käufe. Wer heute pauschal das Sortiment kürzt und sich dabei auf das Marmeladen-Experiment beruft, stützt sich auf einen Einzelfall.

Wann zu viel Auswahl wirklich schadet

Chernev und Kollegen fanden vier Bedingungen. Je mehr davon zutreffen, desto eher kostet eine große Auswahl Käufe.

Bedingung

Was sie bedeutet

Beispiel im Shop

Komplexe Auswahl

Die Produkte unterscheiden sich in vielen Merkmalen, keines sticht heraus

40 Notebooks mit ähnlichem Preis und unterschiedlichen Datenblättern

Schwierige Entscheidung

Wenig Zeit, die Produkte sind schwer vergleichbar

Versicherungstarife mit verschachtelten Leistungen

Unklare Vorlieben

Der Kunde weiß nicht, was er eigentlich will

Weinregal für jemanden, der sich mit Wein nicht auskennt

Ziel: schnell fertig werden

Der Kunde will mit wenig Aufwand entscheiden, nicht stöbern

Druckerpatronen, Ersatzteile, Geschenk auf den letzten Drücker

Vier Bedingungen für Choice Overload nach Chernev, Böckenholt und Goodman (2015).

Paradox of Choice im Weinregal

Unklare Vorlieben im Weinregal: viele Optionen, kaum erkennbare Unterschiede.

Umgekehrt gilt: Wer genau weiß, was er sucht, profitiert von großer Auswahl. Das Gleiche gilt für Kunden, die gern stöbern oder Produkte leicht vergleichen können. Für sie ist ein breites Sortiment ein Grund, in deinem Shop zu kaufen.

Was 60 Experimente aus unserer Datenbank zeigen

In unserer Experiment-Datenbank sind 60 A/B-Tests aus den Jahren 2017 bis 2026 dem Paradox of Choice zugeordnet. Sie stammen aus Onlineshops, Marktplätzen, Telekommunikation und Reise. In 15 Tests gewann die Variante, in 7 verlor sie. 38 Tests brachten kein signifikantes Ergebnis.

Das passt zur Forschung. Wer einfach Optionen streicht, gewinnt selten. Wer Kunden hilft, die passende Option schneller zu erkennen, gewinnt häufiger. Vier Tests zeigen den Unterschied.

Kunde

Änderung

Ergebnis

Automarktplatz

Statt aller Händler in der Nähe nur den nächstgelegenen zeigen

Kein signifikanter Effekt auf gebuchte Termine. 28 % der Nutzer klappten die übrigen Händler trotzdem auf

Fachverlag

Labels wie „Top bewertet“ und „Aktuell beliebt“ an den Produkten

+7,8 % Bestellungen, Warenkörbe nur +2,8 % (nicht signifikant)

Lehrmittelhändler

Förderschwerpunkte als Labels und Filter auf Produktlisten und in der Suche

+3,2 bis 4,4 % Conversion Rate nach Bereinigung um Großbestellungen, Filter 80 bis 160 % häufiger genutzt

Modehändler

Doppelte Schnellfilter „Jungen“ und „Mädchen“ in der Kinderkategorie ausblenden

+3,6 % Conversion Rate, +7,1 % Umsatz pro Besucher

Ausgewählte Experimente aus der konversionsKRAFT-Datenbank. Uplifts signifikant, sofern nicht anders angegeben.

Der Automarktplatz zeigt, was beim Kürzen passiert. Mehr als ein Viertel der Nutzer wollte die ausgeblendeten Optionen sehen. Das Team schlug danach vor, alle Händler zu zeigen und sie mit Kriterien wie „am nächsten“ oder „die meisten freien Termine“ zu kennzeichnen.

Beim Fachverlag legten Nutzer in der Variante kaum mehr Produkte in den Warenkorb. Sie schlossen den Kauf aber deutlich häufiger ab. Die Labels haben also nicht die Auswahl verkleinert. Sie haben die Unsicherheit verkleinert, ob die Wahl richtig ist. Der Effekt kam vor allem von den Produktseiten. Auf den Kategorieseiten wirkten die Labels nicht positiv.

Nicht jede Vereinfachung wirkt. Beim selben Modehändler brachten die wichtigsten Filter oben auf der Seite zwar 33 % mehr Filternutzung, aber keine zusätzlichen Käufe. Ein Test, bei dem Nutzer ihre Filter über alle Kategorien hinweg speichern konnten, verlor sogar leicht.

Was das für deinen Onlineshop heißt

Die richtige Frage ist nicht „Wie viele Produkte zeige ich?“. Sie lautet „Wie leicht fällt die Entscheidung?“. Ein großes Sortiment kann funktionieren, wenn du die Entscheidung einfach machst. Dafür gibt es sechs Hebel.

1. Empfehlungen und Hervorhebungen

Ein Hinweis wie „Bestseller“, „Testsieger“ oder „Unsere Empfehlung“ gibt unsicheren Kunden einen Anker. Wichtig ist, dass die Hervorhebung zum Produkt passt und nicht wie ein Werbebanner wirkt. Ein verwandtes Muster ist der Decoy Effect. Eine bewusst gesetzte dritte Option lässt eine andere attraktiver wirken.

Topseller oder andere Auszeichnungen von Produkten - Der Kunde erhält bei baldur-garten.de eine Empfehlung und wählt im Zweifel das attraktivere Angebot

Topseller oder andere Auszeichnungen von Produkten – Der Kunde erhält bei baldur-garten.de eine Empfehlung und wählt im Zweifel das attraktivere Angebot

2. Bewertungen schon in der Liste

Sterne und Bewertungszahlen zeigen nicht nur die Qualität. Sie grenzen die Auswahl auch vor. Deshalb gehören sie auf die Kategorieseite und nicht erst auf die Produktseite. Mehr dazu im Artikel über Social Proof.

3. Wenige, passende Filter

Zu viele Filter erzeugen ein neues Auswahlproblem. Zeige je Kategorie die Filter zuerst, die Kunden dort tatsächlich nutzen. Deine Webanalyse zeigt dir, welche das sind. Filter müssen sichtbar sein und sich leicht zurücksetzen lassen. Bei Produkten, die über die Marke gekauft werden, hilft ein Markenfilter weit oben. Weitere Beispiele stehen in unseren Tipps zu Facettensuche und Filternavigation.

mirapodo.de hebt in allen Kategorien im Kopfbereich der Listen die relevantesten Filter hervor und zeigt ein Beispielprodukt zur Orientierung

mirapodo.de hebt in allen Kategorien im Kopfbereich der Listen die relevantesten Filter hervor und zeigt ein Beispielprodukt zur Orientierung

4. Unterschiede sichtbar machen

Wenn sich Produkte in der Liste kaum unterscheiden, wirkt die Auswahl größer, als sie ist. Zeige die zwei, drei Merkmale, die für die Entscheidung zählen, schon in der Übersicht.

Oft vorzufinden - Wenig Unterscheidungsmerkmale in Produktlisten bei sehr ähnlichen Produkten

Oft vorzufinden – Wenig Unterscheidungsmerkmale in Produktlisten bei sehr ähnlichen Produkten.

vinexus.de zeigt Auszeichnungen und Besonderheiten der Weine bereits auf der Produktliste. So ist es möglich schon früh ein Produkt zu differenzieren

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Bei technischen Produkten hilft zusätzlich eine Vergleichsfunktion. Am besten zeigt sie auf Wunsch nur die Unterschiede an.

Bei saturn.de ist es möglich in der Vergleichsfunktion nur die Unterschiede anzeigen zu lassen

Bei saturn.de ist es möglich in der Vergleichsfunktion nur die Unterschiede anzeigen zu lassen

5. Beratung anbieten

Ein guter Produktberater fragt nach dem Einsatzzweck und grenzt die Liste damit ein. Das funktioniert nur, wenn die Fragen aus Kundensicht gestellt sind. „Wofür brauchst du das Notebook?“ hilft mehr als „Wie viel Arbeitsspeicher?“. Auch Chat oder Telefon können helfen, wenn dort echte Fachleute antworten.

Produktberater grenzen die Ergebnislisten individualisierter ein. Hier am Beispiel von notebooksbilliger.de

Produktberater grenzen die Ergebnislisten individualisierter ein. Hier am Beispiel von notebooksbilliger.de

6. Personalisierung

Je mehr du über die Vorlieben eines Kunden weißt, desto besser kannst du sortieren. Passende Produkte rücken nach vorn, die übrige Auswahl bleibt sichtbar. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt unser Überblick zur Personalisierung.

Im Video erklärt

In unserem Videoformat überzeugungsKRAFT erklären Jenny, Thomas und Stefan das Paradox of Choice mit Beispielen aus Onlineshops.

TIPP: Lass Dir kein Video von überzeugungsKRAFT entgehen und abonniere unseren YouTube Channel. 😉

Testen statt glauben

Ob dein Sortiment zu groß ist, sagt dir keine Studie aus Kalifornien. Unsere 60 Tests zeigen es auch nicht für deinen Shop. Das zeigt nur ein Test mit deinen Kunden. Drei Fragen helfen bei der Hypothese:

  • Treffen in dieser Kategorie mehrere der vier Bedingungen zu?

  • Springen Besucher auf großen Kategorieseiten häufiger ab als auf kleinen?

  • Sagen Kunden in Umfragen oder Interviews, dass sie sich nicht entscheiden konnten?

Wenn ja, teste eine Variante, die die Entscheidung erleichtert. Kürze nicht einfach das Sortiment. Wie du so einen Test sauber aufsetzt, steht in unserem Ratgeber A/B-Testing. Wie sich Verhaltensmuster wie dieses gezielt einsetzen lassen, zeigt das Behavior Pattern Model. Weitere Muster findest du in der Übersicht der Behavior Patterns.

Häufige Fragen

Was ist das Paradox of Choice?

Die These, dass eine größere Auswahl Menschen die Entscheidung erschwert und sie deshalb seltener kaufen. Der Begriff stammt aus dem gleichnamigen Buch von Barry Schwartz aus dem Jahr 2004.

Ist das Marmeladen-Experiment widerlegt?

In seiner allgemeinen Form ja. Eine Wiederholung in Deutschland fand keinen Effekt. Eine Metaanalyse über 50 Experimente kam 2010 auf einen durchschnittlichen Effekt von praktisch null. Eine zweite Metaanalyse zeigte 2015, dass der Effekt nur unter bestimmten Bedingungen auftritt.

Soll ich mein Sortiment verkleinern?

Nicht pauschal. Erleichtere zuerst die Entscheidung, etwa mit Empfehlungen, Bewertungen und passenden Filtern. Ob eine kleinere Auswahl besser verkauft, zeigt nur ein Test.

Quellen

  • Iyengar, S. S. & Lepper, M. R. (2000): When Choice is Demotivating: Can One Desire Too Much of a Good Thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79(6), 995–1006.

  • Schwartz, B. (2004): The Paradox of Choice. Why More Is Less. New York: Ecco.

  • Scheibehenne, B., Greifeneder, R. & Todd, P. M. (2010): Can There Ever Be Too Many Options? A Meta-Analytic Review of Choice Overload. Journal of Consumer Research, 37(3), 409–425.

  • Chernev, A., Böckenholt, U. & Goodman, J. (2015): Choice Overload: A Conceptual Review and Meta-Analysis. Journal of Consumer Psychology, 25(2), 333–358.