Von Matthias Henrici | Conversion Analysen | 10 Reaktionen

Generation Silver Surfer – die 5 wichtigsten Vorurteile

Senioren haben Angst vor dem Internet

Vielmehr hat das Internet Angst vor den Senioren! Wird langsam Zeit, dass jetzt mal Reife ins Web kommt! Senioren werden uns vor allem in Sachen Rechtschreibung, Lebens-Erfahrung, Ausdruck und inhaltliche Sorgfalt noch kräftig die Leviten lesen, die ersten Online-Shop melden schon einen rapiden Anstieg von zornigen Senioren, die sich über die allerorten wimmelnden Rechtschreibfehler beschweren. Notwendig ist diese Kopfwäsche schon lange.

Jetzt zu den Fakten: Laut dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.(BITKOM) nutzt mittlerweile fast jeder zweite Bundesbürger im Alter von 55 bis 74 Jahren das Internet. Im *EU-Vergleich liegt Deutschland damit im oberen Mittelfeld: Nur die Senioren aus Schweden (69 Prozent) sind noch eifriger im weltweiten Netz gefolgt von den Niederländern (66 Prozent) und den Dänen (62 Prozent).

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Senioren wollen doch nicht Online einkaufen, oder?

Und wie! Das bisherige Wachstum im e-Commerce wird neuerdings fast ausschliesslich durch die Silver-Surfer hervorgerufen, alle anderen sind ja bekanntlich schon „drin“. Die Kaufbereitschaft dieser Generation wächst kontinuierlich. Laut einer Studie von Phaydon lassen Senioren nur Lebensmittel online noch links liegen. Alles andere ist kein Problem. Dazu eine Anmerkung am Rande: Fast alle Deutschen Surfer lassen Lebensmittel online links liegen, unabhängig vom Alter.

Agenturen und Händler die verzweifelt auf der Suche nach noch mehr „jugendlichen Zielgruppen“ sind, werden im aussterbenden Deutschland gut beraten sein, sich für die nächsten zwanzig, dreißig Jahre an älteren Zielgruppen zu orientieren, die haben auch noch die entsprechende Kaufkraft zu bieten.
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Senioren brauchen Barrierefreiheit.

Wozu? Sie fahren ja nicht mit dem Rollator auf die Website. Den Web-Senioren selbst ist dass genauso wenig und genauso viel wichtig wie dem Durchschnitt der Deutschen. Wer meint er müsse aus Seniorenfreundlichkeit Großschrift und automatische Lesesysteme einsetzen, wunderbar. Stichwort „automatische Vorlesesysteme“: Da es mittlerweile eher ein Privileg der unter-21-jährigen ist, eine durchwachsene Schreib/Leseschwäche zu haben, kann man hier in Zukunft gar nichts falsch machen. Senioren jedenfalls haben schon längst selber herausgefunden, wie man Bildschirmansichten vergrößert und von A nach B navigiert. Adieu Leselupe!
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Senioren sind treu

Habe ich auch vor kurzem noch angenommen. Aber die Zeiten sind vorbei, es lebe die Shop-Polygamie! Vor allem Pensionäre haben nämlich jede Menge Zeit sich Angebote ganz, ganz genau anzuschauen und da sie zunehmend Vertrauen in das online-Geschehen setzen, macht es ihnen auch immer weniger aus, mal den Shop-Betreiber zu wechseln. Die funktionierenden Kundenbindungsinstrumente gleichen sich bei allen Altergruppen an, Alleinstellung, guter Service und eine motivierende Website – das goutiert einfach jeder.

Und zum guten Schluss: War da nicht letztens diese Geschichte von dem „älteren“ Ehepaar, er 95, sie 92, die sich aktuell scheiden lassen wollten? Der Grund: Unüberbrückbare Differenzen. Und das nach nur 50 Ehejahren!

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Senioren wollen seniorengrechte Angebote

Es ist zu befürchten, dass wenn Sie Ihrem Schwiegervater demnächst das Senioren-Handy „Emporia TalkPlus“ schenken, Sie höchstwahrscheinlich keine Freudentränen ernten werden, sondern pures Unverständnis: „Hm, doof! Ich wollte doch ein iPhone!!!“ Es gibt vielleicht von Senioren häufiger online gekaufte Produkte wie Treppenlifte, Hygiene-Artikel oder Medikamente, aber unsere Labore zeigen, dass das nichts mit dem so genannten „Senioren-Content“ zu tun hat. Also seniorengerechte Produkt-Abbildungen mit Senioren-Modells, „altersgerechte Sprache“ und ähnlicher Unsinn gehört ab sofort in den Bereich der Mythen.

Mein Fazit: Im Internet muss man alten Leuten nicht über die Strasse helfen, man sollte lieber aufpassen, dass man von ihnen nicht überfahren wird.

Alle CRO- und Usability-Spezialisten wissen von einer dramatischen Verhaltensänderung der Generation 50+ im Internet zu berichten. Die Nutzungsintensität steigt massiv, das Surf-Tempo erhöht sich, die älteren User verhalten sich in Shop-Umgebungen nun zunehmend wie die jüngeren, es wird nicht mehr so viel „gelesen“ sondern „gescannt“, nützliche Online-Tools werden zunehmend genutzt, es gibt mehr Mut zum Wechsel. Also aufgepasst: Da kommen Menschen mit mehr Geld, mehr Zeit, mit kritischem Blick und mehr Lebens-Erfahrung als je zuvor. Es wird Zeit sich mit der wichtigsten Zielgruppe des kommen Jahrzehnts ganz neu zu beschäftigen.

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* Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat aus dem Jahr 2008

** Studie „Lebensmittelshops im Internet“

Matthias Henrici

Matthias Henrici ist eCommerce-Mann der ersten Stunde. Bereits Anfang der neunziger Jahre entwickelte er wertschöpfende Multimedia-Projekte u.a. für deutsche und internationale Unternehmen. Seit 11 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen. Matthias Henrici auf XING
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    10 Reaktionen auf „Generation Silver Surfer – die 5 wichtigsten Vorurteile

    1. Vielen Dank für die Zusammenfassung.

      Von wem stammen die von Ihnen eingebundenen Bilder?

      • Super Beitrag – vielen Dank!

        Immer wieder erschreckend, wie sehr das Klischeedenken im Marketingbereich immer noch zuschlägt. Interessant ist auch die Grenzbetrachtung: Was ist denn der 49,5-Jährige? Erfolgreicher Manager oder auf der Schwelle zum Rentner? Madonna mit Tastatur-Eingabehilfe? Lebenswelten und Selbstbild haben sich in den letzten Jahren massiv verändert – schade, das sich das im Web noch immer nicht ganz herumgesprochen hat.

        • echt ein toller Artikel

          • Gehöre auch zu den Senioren, die sich im Internet tummeln…

            Text ist o.k. und informativ – aber:

            Frage: Warum habt Ihr lauter so missmutig aussehende Fotos eingefügt! Wir Senioren wollen auch Spaß haben im Internet – solche Fotos schrecken eher ab…

            Anntheres

            • Hallo Anntheres
              Die Fotos sollen die Vorurteile unterstreichen. Wenn man aber genau hinschaut hat z.B. der Herr auf dem ersten Foto einen Ohrring.

              • Sehr gelungener Artikel, der sicherlich teilweise auch mit einem Augenzwinkern gelesen werden soll. In einigen wenigen Punkten habe ich etwas andere Erfahrungen gemacht.
                Dass Senioren zum Beispiel vermehrt auch Scannen statt zu lesen, konnten wir in unseren Nutzertests mit Senioren nicht in dieser Form feststellen. Ältere User lesen schon relativ gründlich, gerade auch Erläuterungen und Anleitungen.
                Auch denke ich, dass es immer gewisse Unterschiede bei dem Verhalten zwischen jungen und älteren Nutzern geben wird, schon allein da die kognitiven Fähigkeiten sich verändern (auch wenn es schwerfällt das zuzugeben, es ist so 😉 ).
                Trotzdem stellen wir auch fest, dass noch ein völlig überholtes Bild vom Senior im WWW kursiert. Es existieren Vorurteile, die das Ausschöpfen des Potenzials dieser Zielgruppe verhindern, da ihre tatsächlichen Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden.

                • Es ist herrlich, mal soetwas zu lesen. Ich begreife schon seit Jahren, dass mein Vater immer mal „googeln“ wollte, Wikipedia grandios fand und sich liebend gerne auf Newsseiten tummelte. Auch online einkaufen war nie das Problem, es wurden sich aber nie die Shops gemerkt, wo er Dinge gekauft hatte. Da kam als Antwort stets: „Na das hab ich im Internet gekauft!“ Am liebsten hat er aber bis kurz vor seinem Tod Videokonferenzen gemacht. Nun lernt meine Mutter seit 2 Jahren selbst, durch das Internet neue Wege und Möglichkeiten zu erkennen. Ältere Leute hatten bisher ggfs. eine geringere Affinität zu Computern. Durch die immer einfachere Software und die immer interessanter werdenden Internet-Angebote sind aber längst schlafende Hunde geweckt. Und ist es nun wirklich verstörend, wenn einen die 67 jährige Tante fragt, ob man den Leo oder sogar schon den SnowLeo auf dem eigenen Mac hat und ob der letztere sich für sie lohnen würde?!

                  • Danke Elske Ludewig und Herr Wollweber. Mein Vater (75) hat mir letztens auch erzaehlt er habe auf Windows 7.0 umgeruestet und koenne jetzt schneller an seinem Blog arbeiten ,-)

                    • Computerkurse für Rentner und Ältere sollte man wesentlich intensiver fördern. Nicht nur, weil sie eine komplett neue Welt für sich entdecken können, sondern weil sie auch gegen jede Form von Einrosten vorgehen. Kopf trainieren, egal womit, bedeutet letztendlich Demenz vorbeugen.

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